Bildung Gutachter zerpflückt geplante Lernplattform

„Bin entsetzt.“ Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).
„Bin entsetzt.“ Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). © Foto: dpa/Sina Schuldt
Stuttgart / Axel Habermehl 07.06.2018
Ein Gutachten sieht bei der digitalen Bildungsplattform „Ella“ des Landes gravierende Mängel. Wird das Projekt gestoppt?

Technische Mängel, fehlende Tests, keine Qualitätssicherung und viele offene Fragen: Bei der Entwicklung der Bildungsplattform „Ella“ für Baden-Württembergs Schulen treten größere Probleme auf als bisher bekannt. Das geht aus einem Gutachten hervor, das ein IT-Experte im Auftrag von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) erstellt hat. Darin werden der Projektverlauf sowie Stärken und Probleme analysiert.

Der Gutachter lobt etwa die „gute Basisinfrastruktur mit soliden Komponenten und Herstellern“, oder die Verwendung „kosteneffizienter Open-Source-Komponenten“. Auch der Datenschutz sei eine Stärke, Chancen sieht er in Erweiterungsmöglichkeiten.

Doch die Mängel sind gravierend: Der Experte rügt „unvollständige und größtenteils nicht vorhandene Dokumentation und fehlendes Betriebskonzept“. Es gebe für die Basis-Plattform keinen Machbarkeitsnachweis und keine Betriebserfahrung in der Größenordnung. Bis dato seien „keine aussagekräftigen Last-, IT-Notfall- oder Penetrationstests durchgeführt“ worden, Qualitätssicherungsmaßnahmen seien „rudimentär“, der Virenschutz „teilweise nicht funktionierend“.

Die Plattform entspreche derzeit in mehreren Teilen „nicht den gewünschten Anforderungen an Bring your own Device und eine moderne Web-Applikationsplattform“. Kritisch sei auch, dass ein Subunternehmer aus Walldorf von einer US-Firma übernommen wurde, was Wartung und Entwicklung gefährde.

Das erzürnt Eisenmann besonders: „Dass Privatfirmen beauftragt wurden, wusste ich nicht“, sagt die Ministerin. Das Gutachten sei „verheerend“, sie selbst „schlichtweg entsetzt“ und werde nun prüfen, wie es mit dem Projekt weitergeht. Das Gutachten empfiehlt Fortführung des Projekts oder „Rückabwicklung und Neuausschreibung“, legt sich aber nicht fest.

Die Opposition sieht ihre Befürchtungen und Kritik bestätigt. SPD-Bildungspolitiker Stefan Fulst-Blei sagt: „Kultusministerin Susanne Eisenmann hat die Bildungsplattform krachend gegen die Wand gefahren“. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke spricht von einer „peinlichen und millionenschweren Blamage“.

„Ella“ (Elektronische Lehr- und Lernassistenz) ist eine Internetplattform für Schulen. Sie soll Unterricht und Kommunikation verbessern, digitale Medien einbinden und Verwaltungsarbeit erleichtern. Auftraggeber ist das Kultusministerium, dessen technischer Ansprechpartner ist der landeseigene IT-Dienstleister BITBW. Dieser arbeitet dazu mit dem kommunalen Zweckverband KIVBF zusammen, der wiederum etliche private Subunternehmer beauftragt hat. Im Landeshaushalt sind für „Ella“, das größte Prestigeprojekt der Landes-Digitalisierungsstrategie, über die kommenden zwei Jahre knapp 24 Millionen Euro eingeplant, 8,7 sind schon geflossen.

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