Stuttgart Grüne Ambitionen aufs Direktmandat

Stuttgart / ROLAND MUSCHEL 19.09.2013
Bundesweit schwächeln die Grünen in den Umfragen. In Stuttgart und Freiburg aber, ihren Hochburgen im Süden der Republik, streben sie das Direktmandat an - mal mit Hilfe, mal gegen den Widerstand der SPD.

Cem Özdemir sagt, er sei ein "Arbeiterkind" und komme aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus. Vor dem Grünen-Politiker steht ein Strauß: rote Rosen gemischt mit Sonnenblumen. Neben ihm sitzt Ute Vogt. Die SPD-Politikerin sagt: "Ich habe 1982 meine Stimme mal den Grünen geschenkt - aber dann nie wieder."

Stuttgart, Stadtteil Degerloch. Unter dem renovierten Gebälk der "Alten Scheuer" drängen sich 160 Neugierige bei der einzigen gemeinsamen Wahlveranstaltung von Özdemir (47) und Vogt (49). Es soll, so will es die Regie, nicht nur floral ein Abend der Gemeinsamkeiten werden. Es wird dann aber ein Abend, der zwischen Annäherung und Abgrenzung schwankt, zwischen Gemeinsamkeiten in der Sozialpolitik und Gegensätzen bei Stuttgart 21 oder der Höhe von Steuersätzen.

Die Grünen und die SPD, das ist ja noch immer eine komplizierte Geschichte. Im Bund konkurrieren sie um Zuspruch und im Land um den zweiten Platz im Parteiengefüge. Bei der Landtagswahl 2011 landeten die Grünen erstmals vor den Genossen. Die SPD hat daher nichts zu verschenken. Einerseits.

Andererseits regieren sie im Land zusammen, und wollen das auch im Bund tun. Das soll die Botschaft des Abends in der "Alten Scheuer" sein, garniert mit dem Aufruf der SPD, die Erststimme im Wahlkreis Stuttgart I Özdemir zu geben. Es ist ein bisschen wie 1982. Nur, dass Vogt diesmal nicht nur ihre Stimme herschenken will. Im Saal applaudieren viele. Einige murren aber auch, eine Dame ruft erregt: "Freiburg!"

Stuttgart und Freiburg sind grüne Hochburgen. Neben dem Ministerpräsidenten stellt die Partei in der Landeshauptstadt den Oberbürgermeister und die größte Ratsfraktion - genauso wie in Freiburg. In beiden Städten wollen die Grünen nun auch ein Direktmandat für den Bundestag erobern. In Stuttgart mit Hilfe der SPD, in Freiburg gegen sie.

2009 hat es Özdemir schon einmal versucht. Er kam auf knapp 30 Prozent der Erststimmen, sein Gegner von der CDU lag nur viereinhalb Prozentpunkte vor ihm. Vogt landete bei 18 Prozent. Dank der SPD-Wahlempfehlung stehen Özdemirs Chancen nun besser. Er wäre nach Christian Ströbele der zweite Grüne in der Republik mit Direktmandat. Die schwäbischen Strategen schwärmen bereits von der Symbolik eines Sieges: Stuttgart neben Kreuzberg, Realo neben Parteilinkem, neue Mitte neben Alternativ-Milieu, Özdemir und Ströbele als Protagonisten einer breit aufgestellten Partei. Ganz nebenbei würde es den Grünen-Bundeschef stärken.

Später sitzt er im Club "Rocker 33" bei einer Wahlveranstaltung der Grünen Jugend. Es gibt eine Debatte über Europa, über Özdemir dreht sich eine Discokugel. Dann legt seine Ko-Bundesvorsitzende Claudia Roth am DJ-Pult Musik auf.

Stefan Kaufmann (44) ist der Mann, der den Grünen die Party verderben will. "Die Leute wissen, dass ich in Stuttgart präsent bin. Das wird am Ende tragen", sagt der CDU-Politiker beim Frühstück im Grand Cafe Planie, wo Kellner Hemden mit seinem Namen tragen. Er gibt sich als aufgeschlossener CDU-Kandidat, der die Nähe zur Kultur sucht. "Mir geht es auch darum, Klischees aufzubrechen." Kaufmann ist schwul und gehört zur "Wilden 13", einer Gruppe von CDU-Abgeordneten, die sich zum Verdruss nicht weniger Parteifreunde für die steuerliche Gleichstellung homosexueller Paare einsetzt. Es gehe, sagt er, in Stuttgart auch um die Frage, wie die CDU mit neuen Konzepten zum Erfolg komme. Wie sie eine neue bürgerliche Mitte, die sich in Stuttgart und anderen Städten zusehends den Grünen zugewandt hat, zurückgewinnen kann. Es geht also um viel, auch für Kaufmann: Anders als Özdemir und Vogt hat er keinen sicheren Listenplatz, ohne Direktmandat flöge er aus dem Bundestag.

Diese Sorge muss Gernot Erler (68) nicht haben. Dennoch kämpft der frühere Staatsminister im Auswärtigen Amt wie kein zweiter Genosse im Land um das Direktmandat, das er seit 1998 im Wahlkreis Freiburg vier Mal in Folge gewonnen hat. Die Fortsetzung des Erfolgs ist ihm ein doppeltes Anliegen - psychologisch für seine Partei, politisch für ihn selbst. 2009 hat die CDU 37 der 38 Wahlkreise in Baden-Württemberg direkt gewonnen. Die SPD will nun nicht auch noch ihr letztes Aushängeschild verlieren. Ein Sieg soll auch dem Kandidaten selbst Rückenwind verschaffen. "Ich würde gerne nochmal in Berlin Verantwortung übernehmen. Da ist die Frage Direktmandat nicht ganz unwichtig", sagt Erler im Wahlkampfbüro. 2009 lag er 4,2 Prozentpunkte vor dem CDU-Kandidaten und 11,2 Prozentpunkte vor der Grünen Kerstin Andreae (44), die ihm diesmal das Direktmandat abnehmen will.

Erler hat dafür wenig Verständnis, in seiner Wahlbroschüre erklärt er "die Sache mit der Erststimme" ausführlich: Jede Umschichtung von Erststimmen zwischen Rot und Grün sei gefährlich, weil sie allein die Chancen des CDU-Bewerbers auf einen "Lachenden-Dritten-Effekt" erhöhe. "Die Grünen", sagt Erler in seinem Büro, "sind schuld, falls ein CDU-Neuling aus dem Stand heraus gewinnen sollte." Matern von Marschall (51) findet die Warnung, er könne der "lachende Dritte" werden, irreführend: "Damit wird suggeriert, dass Frau Andreae und Herr Erler nicht in den Bundestag kommen würden, falls ich gewinne." Dabei ist der CDU-Debütant der einzige im Trio, der nicht auf einem sicheren Listenplatz abgesichert ist. Der Besitzer eines Hörbuchverlags macht einen unkonventionellen Wahlkampf: Im Sommer ist er 220 Kilometer durch die Ortschaften des Wahlkreises gewandert, auf Plakaten posiert er mit Apfel. "Keine Annäherung an den grünen Lifestyle", hat er bei der Nominierung versprochen. So würde er das heute wohl nicht mehr sagen, auch wenn er die Mobilisierung der CDU-Stammklientel als zentral ansieht.

Angeblich will die Berliner CDU-Parteizentrale im Endspurt Wackelkandidaten in "Chancen-Wahlkreisen" wie Stuttgart und Freiburg verstärkt unter die Arme greifen. Dabei ist der Gewinn von Direktmandaten für das Machtgefüge der Parteien im Bundestag mit dem neuen Wahlrecht unwichtig geworden. Aber als Symbol taugt es allemal: Stuttgart verteidigt, Freiburg gewonnen - das würde der zuletzt wenig erfolgsverwöhnten Südwest-CDU Auftrieb geben. Die baden-württembergischen Grünen wiederum wollen ihren Wachstumsanspruch untermauern.

Doch die gefallenen Umfragewerte und die neu aufgeflammte Pädophilie-Debatte laufen den Ambitionen der Grünen auf Direktmandate im Land zuwider. Im unternehmerstarken Gutverdienerland Baden-Württemberg macht der Partei die Debatte um ihre Steuerpläne schwer zu schaffen. Im Endspurt setzen die Südwest-Grünen deshalb stark auf ihren populären Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Der wirtschaftsfreundliche "Kretschmann-Sound", so das Kalkül der starken Realo-Fraktion im Land, soll die Misstöne um die Steuerpläne von Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin übertönen. Die Wahl ist so auch ein innerparteiliches Kräftemessen um das richtige Konzept. Trittin will die linke Stammklientel der Grünen mobilisieren - Kretschmann, Özdemir und Andreae wollen die Wahl dagegen in der Mitte gewinnen.

"Ich bin Außenseiterin. Favorit ist Gernot Erler", sagt Kerstin Andreae. Die Spitzenkandidatin der Südwest-Grünen und Fraktionsvize im Bundestag sitzt in einem Freiburger Biergarten. Gleich hat sie hier einen Wahlkampfauftritt mit Kretschmann. Aber, so fährt die Finanzexpertin fort, sie könne nicht für die Frauenquote kämpfen und Frauen Mut machen, sich durchzusetzen, und es dann nicht selbst versuchen. Zudem sei Freiburg einfach eine grüne Hochburg. "Wenn ich hier nicht ums Direktmandat kämpfen würde, würde das die grüne Wählerschaft nicht verstehen."

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