Baden-Württemberg Gründe für den Stillstand bei der Inklusion

Stuttgart / Alisa Grün 04.09.2018

Mehr Kinder mit speziellem Förderbedarf gehen wieder zu Förderschulen, anstatt in Regelschulen integriert zu werden – zumindest in Baden-Württemberg. Dieses Bild zeichnet die neue Studie „Unterwegs zur inklusiven Schule“ der Bertelsmann Stiftung. Sie geht der Frage nach, wie weit sich Deutschland der Zielsetzung angenähert haben, Menschen mit Behinderung nicht vom Unterricht in allgemeinbildenden Schulen auszuschließen.

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Inklusion in Deutschland vorankommt. Der Anteil der Schüler, die an einer Förderschule lernen, nahm von 4,9 Prozent im Jahr 2008 auf 4,3 Prozent im Jahr 2017 ab. Auffallend sind die regionalen Unterschiede: In Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg gehen inzwischen wieder mehr Kinder auf Förderschulen, während in Ostdeutschland dieser Anteil sank.

Individuelle Bedürfnisse

Im baden-württembergischen Kultusministerium will man den vermeintlichen Rückschritt nicht überbewerten. „Die Quote alleine kann nicht der entscheidende Indikator für den Erfolg der Inklusion sein“, sagt eine Sprecherin von Ministerin Susanne Eisenmann (CDU). Entscheidend sei vielmehr, die individuellen Bedürfnisse und Ansprüche des Kindes und seiner Eltern mit den Angeboten und Möglichkeiten des Schulsystems in Einklang zu bringen. Vor allem die Wahlmöglichkeit der Eltern sorge für steigende Schülerzahlen an Förderschulen. Seit 2015 liegt die Entscheidung, auf welche Schule der Nachwuchs geht, bei den Erziehungsberechtigten. Sie haben die Wahl zwischen inklusiven Bildungsangeboten an allgemeinbildenden Schulen, sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) oder kooperativen Organisationsformen. Letztere stehen laut Ministerium inklusiven Bildungsangeboten in nichts nach. „Doch dies wird im Bericht ausgeblendet, da kooperative Klassen von der KMK-Statistik nicht erfasst werden.“

Doro Moritz, Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, sieht andere Ursachen für das schlechte Abschneiden des Landes – und wählt deutliche Worte. „Inklusion ist das Thema, bei dem ich mich am meisten dafür schäme, wie stiefmütterlich Grüne und CDU in der Landesregierung, aber auch viele Gemeinden und Städte in unserem wohlhabenden Land damit umgehen“, sagt sie. Es fehle schlicht an den nötigen Ressourcen: Stellenstreichungen, steigende Schülerzahlen und zu wenig Studienplätze. „Wenn an den allgemeinen Schulen die Klassen größer werden, kein Förderunterricht angeboten wird und eine Sonderpädagogin nur eine Stunde pro Woche und Kind da ist, kann nicht von einer echten Wahlmöglichkeit der Eltern gesprochen werden.“

Anstrengungen reichen nicht

Das Kultusministerium sieht sich allerdings nicht in der Bringschuld, sondern verweist darauf, dass bereits einiges unternommen wird. So lernen inzwischen angehende Lehrer aller Lehrämter die wissenschaftlichen und schulpraktischen Grundkenntnisse der Inklusion kennen. Wer bereits unterrichtet, könne sich fortbilden. „Darüber hinaus stehen den Lehrkräften der Schulen an jedem Staatlichen Schulamt Praxisbegleiter für alle Schularten zur Fortbildung und Unterstützung zur Verfügung.“ Auch die Zahl der Studienplätze sei erhöht worden.

Für Matthias Schneider, Geschäftsführer der GEW im Südwesten, ist das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Wir gehen davon aus, dass die Unternehmungen des Ministeriums bei Weitem nicht ausreichen, um die Bedarfe zu decken.“ Die Inklusion versage häufig schon daran, dass es der Schulträger nicht schaffe, eine Rampe für Rollstühle zu bauen. Alleine deshalb entschieden sich viele Eltern wieder dafür, ihr auf Unterstützung angewiesenes Kind an einer Förderschule anzumelden. Schneider bedauert: „Die Inklusion scheitert leider momentan noch an vielen Stellschrauben.“

Was sagt die Quote aus?

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung nimmt erstmals nicht die „Inklusionsquote“ in den Blick, sondern die „Exklusionsquote“. Damit ist der Anteil aller Schüler gemeint, der in Förder- und Sonderschulen unterrichtet wird. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass die Inklusionsquote wenig aussagekräftig ist, um den Fortschritt der Inklusion zu messen. Denn sie erhöht sich auch, wenn bei mehr Kindern Förderbedarf erkannt wird. gra

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