Kriminalität Großaktion gegen die Mafia

Waiblingen / Hans Georg Frank 10.01.2018

Bei einer Razzia gegen die Mafia ’Ndrangheta sind in Deutschland und Italien mehr als 160 Verdächtige festgenommen worden. In Baden-Württemberg wurden nach Angaben des Landeskriminalamts vier Männer gefasst.

Morgens um drei Uhr griffen Einheiten der Polizei in beiden Ländern zu. Allein im Südwesten waren 180 Polizisten und Spezialkräfte im Einsatz. Ihre Ziele, sechs Wohnungen und vier Gastronomiebetriebe, lagen in drei Landkreisen: Sechs Objekte im Rems-Murr-Kreis, zwei Adressen im Raum Reutlingen sowie je eine Immobilie in den Kreisen Esslingen und Ortenau. Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) in Stuttgart klickten die Handschellen zweimal im Rems-Murr-Kreis, zwei Tatverdächtige wurden in den Kreisen Ortenau und Reutlingen geschnappt.

Das Bundeskriminalamt gab bekannt, dass in Deutschland insgesamt elf Personen festgenommen worden seien. In Italien meldeten die Mafia-Jäger rund 170 Festnahmen in Kalabrien, dazu gehörten mehrere Bürgermeister.

„Es hat keinen Widerstand gegeben“, berichtete Ulrich Heffner, Pressesprecher des LKA, über die konzertierte Aktion im Südwesten. Nur wegen eines Kampfhundes sei bei der Durchsuchung eines Anwesens zur Waffe gegriffen worden. Das Tier habe erschossen werden müssen. Bei der Razzia seien Bargeld, Mobiltelefone, schriftliche Aufzeichnungen und elektronische Datenträger beschlagnahmt worden.

Die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft in der Regionshauptstadt Catanzaro rechnet die elf Italiener zur kalabrischen ’Ndrangheta. Sie sollen zum Clan Farao-Marincola in Cirò gehören, einem Berg­dorf mit 3000 Einwohnern. Diese Familie habe „großen Einfluss über die benachbarten Regionen hinaus“. Das BKA zählte als Strafvorwürfe versuchten Mord, Erpressung, Geldwäsche, Verstoß gegen das Waffengesetz, internationale Kfz-Verschiebung bis zu illegaler Verschiebung von Müll auf. Das in Baden-Württemberg festgenommene Quartett im Alter von 36 bis 47 Jahren sollte angeblich „die kriminellen Aktivitäten und ihre mafiösen Strukturen in Deutschland ausbauen“. Zu den Tatverdächtigen soll der Stuttgarter Wirt Mario L. gehören, den Fahnder schon 1990 im Verdacht hatten. Er war bekannt geworden, weil der CDU-Politiker Günther Oettinger zu seinen Stammgästen gezählt haben soll.

Das LKA kennt offenbar 180 mutmaßliche Mafia-Mitglieder. Davon wird die Hälfte bei der ’Ndrangheta vermutet.

6000 Mitglieder in 160 Clans

 Die Ndrangheta gehört neben der Cosa Nostra und der Camorra zu den mächtigsten Mafiaorganisationen Europas. Ihren Mittelpunkt hat sie in der süditalienischen Region Kalabrien. Allerdings erstreckt sich ihr Aktionsradius weit über Europa hinaus. Das Bundeskriminalamt hält sie für die relevanteste Mafia-Gruppe in Deutschland. Sie operiert vor allem im Drogengeschäft, ist aber auch in Waffenhandel, Geldwäsche und Korruption aktiv. Experten schätzen den weltweiten Jahresumsatz auf 50 bis 100 Milliarden Euro. Das FBI geht von 6000 Mitgliedern in 160 Clans aus. dpa

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