Tübingen / JONAS BLEESER Explosiver Untergrund: Spielende Kinder fanden vor knapp einem Jahr Übungshandgranaten im Wald bei Tübingen. Die Behörden wollten schnell handeln - doch bisher wurde keine einzige Granate geräumt.

Die Aufregung bei den Eltern war groß: Kinder einer Ferienfreizeit hatten im vergangenen Sommer französische Übungshandgranaten im Waldgebiet "Schindhau" gefunden. Die Veranstalter waren mit der Gruppe zum Spielen in das Naherholungsgebiet gezogen - direkt neben Tübingens Vorzeige-Stadtteil, dem Französischen Viertel. Trotz aller Beteuerungen: Fast ein Jahr später sind die Kampfmittel noch immer nicht geräumt.

Das Waldgebiet hat eine lange militärische Vergangenheit: Dort übte die französische Armee bis zu ihrem Abzug für den Krieg. Nach 1991 eroberte sich Tübingens wachsende Zivilbevölkerung die baumbestandenen Hänge, Wiesen und kleinen Täler des etwa 100 Hektar großen Areals zurück.

Bis zum Oktober 2011: Aus heiterem Himmel ließ der zuständige Bundesforstbetrieb Warnschilder aufstellen: Man solle auf den Wegen bleiben, in der Gegend würden Kampfmittel vermutet. Weiter wurde die Öffentlichkeit darüber zunächst nicht informiert, was zu einiger Verunsicherung führte.

Die Anbieter des Ferienprogramms waren 2012 mit den Kindern deshalb zu einem Platz außerhalb der eventuell gefährlichen Gebiete gegangen. Pech nur: Die französischen Soldaten müssen auch dort geübt haben, denn die Kinder entdeckten in dem angeblich sicheren Bereich türkisfarbene Behälter. Es waren Teile von Übungshandgranaten, wie sich später herausstellte. Daraufhin versprach Dietmar Götze vom Bundesforst, schnellstmöglichst mit den Vorbereitungen der Räumung zu beginnen: "Tübingen hat bei uns allerhöchste Priorität", erklärte er damals.

Geräumt wurde seither nichts: Wer als Spaziergänger ins idyllische Wankheimer Täle unterwegs ist, musste zeitweise nicht einmal bemerken, dass er gegen das absolute Betretungsverbot verstieß: Die Warnschilder lagen umgeworfen im Gebüsch. Wer weiterging, konnte schon wenige Meter vom Weg entfernt einen der hellblauen Behälter aus dem matschigen Erdreich ragen sehen - mehr als anderthalb Jahre, nachdem die ersten Warnschilder aufgestellt wurden.

Die Mühlen im Bundesamt mahlen langsam - und gerieten zunächst einmal gehörig ins Stocken. Eine erste Ausschreibung für die Arbeiten platzte. Nur zwei Firmen beteiligten sich. Eine war zu teuer, die andere konnte ihre Qualifikation nicht nachweisen, erklärt Stefan Rohlfs vom Büro des Bundesforstes in Meßstetten. Er sieht seine Behörde in einer Zwickmühle: "Einerseits sollte es schnell gehen, andererseits sind wir den Verwaltungsvorschriften verpflichtet, die dafür sorgen, dass wir Steuermittel sachgerecht ausgeben."

Ganz untätig war die Behörde nicht: Ein Ingenieurbüro richtete Testfelder ein, die von Gestrüpp befreit wurden. In einer zweiten Ausschreibung erhielt "für einen höheren fünfstelligen Betrag" eine Firma den Zuschlag für weitere Sondierungen und erste Räumarbeiten. Geplant ist ab nächste Woche die Räumung von Wiesenflächen am "Salzgarten": Dort zeigten Luftbilder Deckungslöcher aus dem 2. Weltkrieg, in denen möglicherweise auch scharfe Munition in der Erde liegt.

Im Wankheimer Täle dagegen sind noch keine Aufräumarbeiten geplant. Spaziergänger müssen sich also weiter in Acht nehmen.