Konfession Reformation vor 500 Jahren: Glaubensabweichlern droht das Ketzerfeuer

Alfred Wiedemann 14.03.2017

Die Idee, eine Revolution: Religion kann man so oder so auslegen und so oder so leben. Mehr und mehr Menschen dämmerte das während der Reformation vor 500 Jahren. Allerdings wurde das mit dem Ausleben schwierig, als die Landesherren ihren Untertanen eine Konfession verordneten. Schnell war man da Sektierer.

Für Württemberg führte Herzog Ulrich nach seiner Rückkehr 1534 die Reformation ein. Wer vom staatlich vorgegebenen Glauben abwich, bekam Probleme mit der Obrigkeit.  „Flucht vor der Reformation“ heißt eine Ausstellung im Stuttgarter Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg (HdH) über Glaubensflüchtlinge im Südwesten: Täufer, Schwenckfelder, Pietisten.

Allen Abweichlern drohte theo­retisch, wenn sie stur blieben, die Ketzerstrafe: Tod auf dem Scheiterhaufen für Männer, Ertränken für Frauen. „Im Herzogtum Württemberg wurde die Ketzerstrafe aber nicht vollzogen“, erzählt Dr. Christine Absmeier, Kuratorin der Ausstellung und HdH-Leiterin.  Wer abwich vom Weg, sollte zurück auf den rechten Pfad finden. Die Chance dazu bekam er entweder im Gefängnis oder daheim, in Ketten.Rottenburg war nicht württembegisch, sondern vorderösterreichisch. Katholisch, wenig gnädig: 1527 wurde hier der Täufer Michael Sattler wegen Ketzerei angeklagt und zum Feuertod verurteilt. Besonders im Remstal und im Heilbronner Raum fand  die radikal-reformatorische Täufer-Bewegung Anhänger. Wer dabei blieb, musste weg. Im toleranten Mähren fanden viele Zuflucht. Dort blieb fürs Erste Platz für die radikal anderen Vorstellungen vom christlichen Zusammenleben und Arbeiten in Gemeinschaften statt in Familien. Die Täufer dort wurden bekannt für ihre Keramik und Klingen. In der Ausstellung sind Stücke zu bestaunen.

Wie erbittert damals über Glaubensfragen wie die Präsenz von  Leib und Blut Christi beim Abendmahl, über die Kindertaufe oder die Absage an Obrigkeiten gestritten wurde, sei heute schwer vorstellbar, sagt Absmeier. Ein Glaubensflüchtling, der den Südwesten nicht verlassen musste, sondern hier Zuflucht fand, war Caspar Schwenck­feld von Ossig (1490 – 1561). Der Laientheologe aus Schlesien ging nach seinem Bruch mit Luthers Lehre ins Exil. Von 1535 bis 1539 lebte er in der Reichsstadt Ulm. Seine Lehre fand Anklang in angesehenen Familien, wurde aber kritisch beäugt von den Ulmer Pfarrern. Für Schwenckfelder war der Glauben eine innere Angelegenheit, eine Demonstration nach außen nicht nötig. Das erleichterte den Alltag unter den Lutherischen, ohne aufzufallen. Was die Lehre besonders unter Frauen attraktiv machte: „Bei den Reformatoren hatten die Frauen wenig zu sagen, wohl aber bei den Schwenckfeldern“, sagt Kuratorin Absmeier.

Seit einem Erlass Herzog Christophs 1554 musste Schwenckfeld aber abtauchen. Er zog von Ort zu Ort. Öfter war er auch wieder bei seinen Anhängern in Ulm, 1561 starb er in der Donaustadt. Wo er begraben ist, weiß man nicht. Mit den Schwenckfeldern vorbei in Ulm war es erst 1583. Sie wurden ausgewiesen und von Georg Ludwig von Freyberg in Justingen aufgenommen.

250 Jahre später machten sich württembergische Pietisten auf, um ihren Glauben „freier und unabhängiger  von der Staatskirche zu leben“, so Absmeier. Ihr Ziel war der biblische Berg Ararat. „Der gehörte zum russischen Reich, und das Zarenreich ließ Siedler ins Land, egal welcher Konfession“, erklärt Absmeier. Doch der Weg war lang, zuerst auf der Donau mit Ulmer Schachteln, dann nach Odessa und in den Südkaukasus. Die Siedler gründeten Dörfer, arbeiteten hart und sorgten später für wirtschaftlich und kulturell blühende Landschaften – bis Stalin die Deutschen verbannte. Der lange Weg dieser Glaubensflüchtlinge aus Schwaben lässt sich in der Schau verfolgen.

Der Kampf um das „richtige“ Bekenntnis

Erbittert wurde vor 500 Jahren über Fragen wie die Präsenz von  Leib und Blut Christi beim Abendmahl oder die Kindertaufe gestritten. Abweichlern blieb Anpassung, Migration oder Tod. Zu sehen in der Ausstellung „Flucht vor der Reformation.  Täufer, Schwenckfelder und Pietisten zwischen dem deutschen Südwesten und dem östlichen Europa“. Bis 8. Juni im Haus der Heimat BW,  Schlossstr. 92, Stuttgart. Montag bis Donnerstag 9 bis 15.30 Uhr, Mittwoch 9 bis 18 Uhr geöffnet. aw