Stuttgart Gesetz gegen Grabsteine aus Kinderarbeit

Kinderarbeit in Nepal: Ein Junge beim Steineklopfen. Foto: dpa
Kinderarbeit in Nepal: Ein Junge beim Steineklopfen. Foto: dpa
Stuttgart / SWP 21.06.2012
Ein baden-württembergisches Gesetz soll dazu beitragen, das Schicksal von Kindern in Asien zu verbessern: Kommunen dürfen künftig per Friedhofssatzung Grabsteine aus Kinderarbeit verbieten.

Benjamin Pütters Arbeit ist lebensgefährlich, weil er sich gegen lebensgefährliche Arbeit von Kindern engagiert. Der Freiburger befreit sie aus Sklaverei in der indischen Teppichindustrie und bekämpft ihre Ausbeutung in Steinbrüchen. "Es hat deshalb schon Morddrohungen gegen mich und meine Familie gegeben", sagt er. Die Sorge um Leben und Gesundheit von Kindern in Steinbrüchen in Indien verbindet den Mitarbeiter vom Hilfswerk Misereor und die grün-rote Koalition in Baden-Württemberg. Der Landtag hat eine Novelle des Bestattungsgesetzes verabschiedet, die es Kommunen ermöglicht, per Friedhofssatzung Grabsteine aus Kinderarbeit zu verbieten. Ähnliche Gesetze gibt es laut Pütter bereits im Saarland, in Bremen, in Bayern und in Nordrhein-Westfalen.

Die Zahl der Kinderarbeiter in Steinbrüchen, die vor allem in Südindien für den Export produzieren, kann der Experte nicht beziffern. Denn die Besitzer - nach seiner Auskunft häufig Politiker - verwehren ihm und anderen unabhängigen Beobachtern den Zutritt. "Fest steht aber, dass es in den meisten dieser Steinbrüche Kinderarbeit gibt." Dort seien bitterarme Wanderarbeiter angestellt, deren Kinder von ihrem zehnten Lebensjahr an mit Presslufthämmern helfen, Riesengranitblöcke aus dem Felsen zu lösen. Ohrenstöpsel, Arbeitsschuhe, Atemmasken, Hitzeschutz seien trotz entsprechender indischer Vorschriften Mangelware. "Wegen der Erschütterungen und des Staubs liegt die Lebenserwartung bei 40 Jahren", sagt Pütter. Die Steine seien bis zu 70 Prozent billiger als die heimischen.

Nach Einschätzung der grün-roten Koalition kommen 30 bis 60 Prozent der in Deutschland verwendeten Grabsteine aus Indien und China. Die Angehörigen der Toten sollten Gewissheit haben, dass an ihren Grabsteinen kein "Blut von Kinderhänden klebt". Der Steinmetz soll in Gemeinden, die das neue Gesetz anwenden, bei der Friedhofsverwaltung den Nachweis für die faire Herstellung erbringen müssen.

Pütter rät zum Zertifikat Xertifix, das er selbst mit ins Leben gerufen hat. Indische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen besuchen dafür unangekündigt Steinbrüche, die dies erlauben, und suchen nach Kinderarbeitern. "Xertifix garantiert nicht nur, dass die Grabsteine ohne Kinderarbeit gefertigt wurden, sondern auch, dass die Kinder Bildungsangebote wahrnehmen." Denn in den abgelegenen Siedlungen fehlen Schulen und damit Alternativen zur Kinderarbeit. "Ein Verbot von Kinderarbeit ohne Hilfe ist zynisch", ist Pütter überzeugt.

Wegen dieses finanziellen Aufwands ist Xertifix nach Beobachtung Pütters nicht sonderlich beliebt. "Denn der Steinmetz muss pro Grabstein drei Prozent des Exportwertes an Xertifix zahlen." Auch das Siegel Fair Stone steht nach Angaben der dahinterstehenden Agentur Win=Win für das Einhalten internationaler Umwelt- und Sozialstandards .

Der Bundes- und baden-württembergische Landesinnungsmeister der Steinmetze, Gustav Treulieb: "Wir sind gegen Kinderarbeit." Doch die Umsetzung des Gesetzes sei problematisch. Bei der Vielzahl der Zertifizierungsorganisationen falle der Zunft deren Bewertung schwer. "Die Politik müsste ein einheitliches Siegel schaffen." Der Städtetag Baden-Württemberg begrüßt zwar das Ziel des Gesetzes, meldet aber Zweifel an dessen Wirksamkeit an. "Das bringt den Kindern überhaupt nichts", glaubt der zuständige Dezernent Gerhard Mauch. In Indien herrsche Korruption vor und deshalb sei jedwede Zertifizierung mit Vorsicht zu genießen. Außerdem werde der falsche Eindruck erweckt, das Friedhofsamt könne als Kontrollstelle dienen. "Das ist eine Nummer zu groß für uns."

Diese Bedenken teilen im Land 42 Gemeinden nicht, die sich bereits verpflichtet haben, auf Grabsteine aus Kinderarbeit zu verzichten. Darunter ist auch die Landeshauptstadt Stuttgart, die in ihrer Friedhofssatzung bisher nur zur Nutzung von Grabsteinen ohne Kinderarbeit aufgerufen hat. Die Stadt freut sich laut einem Sprecher darauf, voraussichtlich im Frühjahr 2013 das Verbot in der Satzung verbindlich zu verankern.

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