Pforzheim Geschichtsstunde im Gasometer

Yadegar Asisi: Rundum-Rom-Panorama im alten Pforzheimer Gaskessel.
Yadegar Asisi: Rundum-Rom-Panorama im alten Pforzheimer Gaskessel. © Foto: dpa
Pforzheim / HANS GEORG FRANK 05.12.2014
Vom nutzlosen Gasspeicher zur Touristenattraktion: In einem Pforzheimer Industriedenkmal soll ein riesiges Rundbild jährlich 200 000 Besucher anlocken. Das Panorama zeigt Rom vor über 1700 Jahren.

Gert Hager, SPD-Oberbürgermeister der finanziell klammen Stadt Pforzheim, ist rundum zufrieden mit dem 360-Grad-Panorama, das nun den nicht mehr benötigten Gasometer der Stadtwerke schmückt. "Das ist ein Geschenk für die Stadt", sagt Hager, "es hat ja keinen Cent Steuergelder gekostet." Dank des über fünf Millionen Euro teuren Projekts verfüge Pforzheim nun über "ein absolutes Highlight", ja sogar über "ein Alleinstellungsmerkmal in Westdeutschland".

Was den OB so entzückt, ist die Verwandlung eines 100 Jahre alten Industriedenkmals in eine besondere "Event location". Den Gasspeicher, der unter Denkmalschutz steht, aber seit zehn Jahren nicht mehr für die Energieversorgung benötigt wird, ließ der Hotelier und Brauer Wolfgang Scheidtweiler mit Gleichgesinnten so umbauen, dass dort Veranstaltungen für 800 Personen organisiert werden können. Herzstück ist ein 3500 Quadratmeter großes Historiengemälde, das Rom im Jahr 312 zeigt. Es stammt von dem Künstler Yadegar Asisi (59), der mit derlei Ansichten im XXL-Format bereits in Berlin, Dresden und Leipzig in zehn Jahren fünf Millionen Menschen fasziniert hat.

In Pforzheim ist auf 37 Bahnen aus Polyester-Spezialfaser zu sehen, wie Kaiser Konstantin vor 1702 Jahren in die Metropole der Antike einzieht. Dabei handelt es sich um eine überarbeitete Version des Protyps, der 2005 für Leipzig geschaffen worden ist.

Es sind darauf derart viele szenische, architektonische und topografische Einzelheiten zu entdecken, dass sich Besucher stundenlang aufhalten werden, weiß der in Wien geborene Künstler, der "eine ungeheure Emotionalität" verspricht. Wer vor den Panoramen stehe, werde in einer Zeit der permanenten Reizüberflutung zum "Regisseur seines eigenen Blickes". Musik, Geräusche und Licht ergänzen sich zu einer authentischen Atmosphäre. Wird dieses Historienspektakel ein Erfolg, "wird man in Pforzheim noch viele schöne Bilder mehr sehen", verspricht Asisi. Zu seinem Themenkatalog gehören Amazonien, Mount Everest, Great Barrier Reef, New York 9/11 und die Titanic.

Die Investoren rechnen mit jährlich 200.000 Besuchern, von der Schulklasse bis zu Busgesellschaften. OB Hager stellt sich nicht nur auf Gäste auch aus Frankreich und der Schweiz ein. Er ist sicher, dass dank des aufgewerteten Gasometers die Urlauber auch zwei oder gar drei Tage in Pforzheim bleiben werden. Deshalb, und wegen des guten Kongressgeschäfts, werde in absehbarer Zeit ein weiteres Hotel benötigt, Kategorie 3 bis 4 Sterne.

Auch Lateinlehrer begrüßen diese Form des Anschauungsunterrichts. Schüler und Studenten kämen mit Asisis Werk in einer Region mit lebendigem römischem Erbe in den "Genuss der hochauflösenden und detailreichen Darstellung", erklärte der Verband der Altphilologen. Er wertet das Riesengemälde als "Zeichen für das gleichbleibend große Interesse an der Antike".

Asisis größtes Werk ist bis September 2015 täglich außer montags im Gasometer zu sehen. Von einem 15 Meter hohen Turm lässt sich "Rom 312" betrachten. Pforzheim kann auf einen gesicherten geschichtlichen Bezug zum Motiv verweisen. Die Römerstraße von Straßburg nach Stuttgart führte am Ort "Portus" über eine Furt an der Enz. Aus dem lateinischen Wort für Hafen wurde Pforzheim.

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