„Klar, hier an der Donau, da sagen alle, macht doch was mit Wasserkraft“, sagt Gudrun Liebhart. „Aber da geht nichts, mit den Wasserrechten der bestehenden Anlagen und den Auflagen für neue.“ Liebhart ist im Vorstand der Riedlinger Bürgerenergiegenossenschaft. In der oberschwäbischen Stadt mit 10.170 Einwohnern sorgen die Genossen auch ohne Wasserkraft für mehr Ökostrom: Seit 2011 haben sie Photovoltaik-Anlagen auf zwei Schuldächer und auf das Bürgerhaus im Ortsteil Zell-Bechingen montiert. „Wir sind eine kleine Stadt, die Zahl der Mitglieder ist überschaubar, die Zahl der Dächer auf öffentlichen Gebäuden auch“, sagt Norbert Koch, ehrenamtlich ebenfalls Riedlinger Energiegenosse und als Energieberater zudem vom Fach.

121 Energiegenossenschaften listet die Umwelt-Landesanstalt im Südwesten derzeit, von Aichstetten bis Wiesloch sind mehr als 60 von ihnen im Verband der Bürgerenergiegenossenschaften Baden-Württemberg. Mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2014 ist das Geschäft für die Energie in Bürgerhand schwieriger geworden. Geld einsammeln für dezentrale Alternativenergie in Bürgerhand, Dächer suchen, Photovoltaik drauf und dann 20 Jahre lang Einspeisevergütung erhalten für eine gute Rendite – das war einmal.

Gestutzte Förderung, vorgeschriebene Direktvermarktung und Ausschreibungen – Vorgaben des Bundes bremsen die Bürgerenergie seit 2014, sagt Elisabeth Strobel vom Verband der Bürgerenergiegenossenschaften. Dringend nötig seien Vorrang-Regelungen, damit kleine Betreiber wieder Chancen haben. Der Verband renne damit in Stuttgart zwar offene Türen ein, bei Schwarz-Rot in Berlin sei aber bisher nichts angekommen. Schade, sagt Strobel, Grün-Rot habe die dezentrale Energie in Bürgerhand seit 2011 „enorm gepuscht“ im Südwesten. Seit der EEG-Änderung seien Neugründungen von Energiegenossenschaften aber selten geworden.

Immerhin: Die Riedlinger Genossen haben eine Kooperationsvereinbarung mit ENBW Solar in der Tasche. An die Bahnlinie bei Zwiefaltendorf soll eine Freiflächen-Solaranlage kommen. Für Anlagen entlang von Autobahnen und Schienen oder auf früheren Militärflächen gab es in Ausschreibungsrunden schon 100 Zuschläge bundesweit. Sechs Projekte aus dem Südwesten waren darunter: Vier der ENBW Solar, darunter das in Zwiefaltendorf, außerdem eins in Crailsheim und eines in Niederstetten (Main-Tauber-Kreis). Sieben Hektar groß soll der Solarpark im Riedlinger Teilort werden und Strom für 1500 Haushalte liefern. Die Planungen laufen. Ob und wie die Genossenschaft mit ins Betreiberboot steigt, sei noch offen, sagt Norbert Koch. Das Projekt müsse passen, die Genossenschaft muss es stemmen können und auch Rendite sollte es abwerfen.

Ausschreibungen sollen für die Förderung der Alternativenergie zur Regel werden, plant der Bund. Die Förderung wird dabei auf Basis von Geboten bestimmt: Wer billig Ökostrom liefert, bekommt den Zuschlag. Die große Befürchtung: Bürgerenergie bleibt auf der Strecke, weil Konzerne die relativ hohen Kosten für kleinere Anlagen scheuen und Genossenschaften die Kosten und Risiken einer Ausschreibung.

Elisabeth Strobel fordert deshalb Ausnahmeregelungen für die Bürgerenergie. Auch das Umweltministerium in Stuttgart setzt sich dafür ein. Die Energiewende müsse „breit in unserer Gesellschaft verwurzelt bleiben“, sagt ein Ministeriumssprecher, und die Energiegenossenschaften spielten eine wichtige Rolle dabei. Derzeit seien für sie die Förderbedingungen tatsächlich nicht vorteilhaft. „Wir setzen uns dafür ein, an den geeigneten Stellschrauben zu drehen, damit sich das ändert.“

Vergangene Woche hat der Bundesrat per Entschließung auf Vorrang für kleine und regional verwurzelte Betreiber von Erneuerbaren-Energien-Anlagen gepocht. Das sei notwendig, wenn Strom aus regenerativen Quellen über Ausschreibungen gefördert wird. Solar- und Windparks in Bürgerhand sollen eine Zuschlagsgarantie erhalten – und Förderung wie das höchste Gebot, das neben den Regionalbietern einen Zuschlag erhalten hat.

Ein Hoffnungsschimmer? Abwarten, was die schwarz-rote Bundesregierung macht. Es sei auch klar, dass Energiegenossenschaften sich anpassen müssten: „Manche in der Vergangenheit erfolgreichen Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr. Das heißt, es müssen neue Geschäftsmodelle entwickelt werden“, sagt der Sprecher des Umweltministeriums in Stuttgart. „Energiegenossenschaften müssen sich auch zunehmend professionalisieren und Kooperationen mit anderen Genossenschaften, Stadtwerken oder Energieversorgern suchen.“

Professionalisieren? Das bedeutet Zusatzarbeit für die Ehrenamtlichen. Dabei verlange die Genossenschafts-Bürokratie jetzt schon ganz schön Einsatz, sagt Norbert Koch, der Riedlinger Energieprofi. Neue Arbeitsfelder? „Da sind wir dran.“ Das Umstellen der Straßenbeleuchtung in der Stadt auf LED wäre vielleicht was für die Genossen.

Die Bürgerenergiegenossenschaft Riss in Maselheim (Kreis Biberach) ist schon weiter: Sie hat 2013 einen Contracting-Vertrag mit der Stadt Warthausen abgeschlossen und kümmert sich 15 Jahre lang um die Straßenbeleuchtung: Umrüsten auf sparsame LED-Leuchten, Wartung, Instandhaltung. Das Ergebnis: weniger Stromverbrauch, Kohlendioxid-Ersparnis, weniger Ausgaben für die Stadt, Rendite für die Energiegenossen. „Das läuft gut und rechnet sich für beide Seiten“, sagt Robert Schafitel von der Bürgerenergiegenossenschaft, die seit Jahren fünf Solaranlagen betreibt.

Nahwärme in der Ortsmitte von Maselheim-Äpfingen ist ihr nächstes Projekt: Die Genossen bauen ein Gasheizkraftwerk, wollen ihren produzierten Strom auch selbst anbieten – zu konkurrenzfähigen Preisen“. Mit Dividenden von 3,25 bis 4,5 Prozent in den vergangenen Jahren sei die Energiegenossenschaft gut unterwegs, sagt Schafitel. Gerade in Niedrigzinszeiten wie heute könne sich das sehen lassen.

Auch Elisabeth Strobel verweist auf neue Baustellen. Ob Beteiligung an Großprojekten, Nahwärme, Energie-Contracting oder Stromverkauf, die Energiegenossenschaften seien dran. Allerdings werde sehr viel Fachwissen benötigt, das sich die Ehrenamtlichen oft von außen holen müssten. Vielleicht, sagt Verbandschefin Strobel, gehöre auch „der Begriff Energie neu definiert“, vielleicht sollten sich die Genossenschaften um ganz neue Themen kümmern und ihr Geld in Generationenwohnen investieren, in Kitas oder Gebäudesanierungen. So eine Art Bürgerbeteiligung wäre schließlich auch sinnvoll, findet Strobel.

Solar im Minus, Windkraft im Plus

Photovoltaik Neue Förderbedingungen seit 2014 bremsen beim Ausbau der Photovoltaik. Der Bund hat seine selbstgesteckten Ausbauziele deutlich verfehlt, in Baden-Württemberg kamen 2015 an neu installierter Solarstrom-Leistung nur 163,5 Megawattpeak hinzu. 2014 wurden 256,5 MWp neu installiert, 2013 sogar noch 360 MWp.

Windkraft Auftrieb hatte dagegen die Windkraft: Da gingen 2015 Anlagen mit 144,5 Megawatt Leistung im Südwesten neu ans Netz, während es 2014 erst 21 MW Zuwachs waren, 2013 noch 34,7 MW. Der Windkraftausbau geht weiter: 2016 wurden bis Ende März schon 29 Windkraftanlagen genehmigt. Etwa 250 Anlagen mit rund 730 Megawatt Leistung seien im Genehmigungsverfahren, 100 Anlagen waren zudem zum Jahreswechsel im Bau, teilte das Umweltministerium mit. Aktuell liefern im Südwesten 445 Windkraftanlagen mit 697 Megawatt installierter Leistung Strom. 5247 Megawattpeak war 2015 die installierte Gesamtleistung der Photovoltaik-Anlagen.