Stuttgart Gehörlose: Statt Fax im Notfall simsen

Gehörlose könne eine Nothilfe-SMS an die Feuerwehr und Polizei senden.
Gehörlose könne eine Nothilfe-SMS an die Feuerwehr und Polizei senden. © Foto: SWP Grafik /Döhring Quelle: Innenministerium BW
Stuttgart / BETTINA WIESELMANN 06.11.2015
Hör- und sprachbehinderte Menschen können Polizei und Feuerwehr ab sofort auch in Baden-Württemberg über eine Nothilfe-SMS alarmieren. An einem bundesweiten App-Konzept wird gearbeitet.

Was zum Beispiel Brandenburg und Sachsen, Hamburg und Berlin zum Teil schon seit etlichen Jahren haben, funktioniert jetzt auch in Baden-Württemberg: ein Notruf über SMS. Bislang mussten die 40.000 Menschen im Land, die wenig oder gar nicht hören und/oder sprechen können, im Notfall mit Hilfe eines Fax-Gerätes Polizei oder Feuerwehr und Rettungsdienste auf sich aufmerksam machen. Ein wenig taugliches Mittel. Fax-Geräte sind kaum noch zu finden. Und wer sich außerhalb seiner vier Wände aufhält, hat gleich gar keines zur Hand, um im Notfall die 110 oder die 112 anzuwählen.

Flächendeckend verbreitet dagegen sind Mobiltelefone und damit auch die Möglichkeit, den Kurznachrichtendienst SMS zu nutzen. Was mit Blick auf den Notfall ganz einfach scheint, ist freilich komplizierter. Denn aus technischen Gründen können die mehr als 500 Notrufleitstellen in Deutschland nicht über die bekannten Nummern 110 und 112 per SMS erreicht werden.

Wer via SMS die Polizei oder aber Feuerwehr/Rettungsdienste um Hilfe ersucht, muss bis zu 16 Zahlen als Nummer eintippen - weswegen natürlich geraten wird, die jeweiligen Nummern zu speichern - und auch entsprechende Mustertexte. Empfangen wird die SMS zentral vom Polizeipräsidium Stuttgart beziehungsweise der Integrierten Leitstelle Stuttgart. Von dort wird sie, basierend auf den SMS-Angaben, an die zuständige Stelle weitergeleitet, von wo aus die Hilfe koordiniert wird.

Ein weiteres Handicap kommt beim SMS-Versand hinzu. Technisch bedingt kann es zum Teil zu erheblichen zeitlichen Verzögerungen kommen. Oder die Textnachricht kann mangels empfangbaren Netzes gar nicht versandt werden. Dennoch ist Innenminister Reinhold Gall (SPD) überzeugt, "dass die SMS-Nothilfe für hör- und sprachbehinderte Menschen eine sinnvolle Ergänzung zum Notruf-Fax ist."

Wirklich barrierefrei wäre ein bundesweit geltender, kostenloser Notruf über eine Smartphone-App. "Wir sind mit dem Konzept ,Notruf 2.0' dran", sagt Siegfried Lorek vom Polizeipräsidium Technik, der auch Vorsitzender der Expertengruppe Notruf ist, die bundesweit nach einer Lösung sucht. Bis 2017 soll sie, so hat es die Große Koalition in Berlin vereinbart, stehen. Bis dahin gibt es die SMS-Variante "als sinnvollen Zwischenschritt".

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel