Nahverkehr entlasten

Derzeit läuft vieles entspannter als üblich: Ferienzeit. Wo sonst zwischen sieben und acht Uhr Horden von Kindern Richtung Schule wuseln, Busse und Bahnen verstopfen, wo „Mütter-Taxis“ Staus vor den Pausenhöfen verursachen, läuft plötzlich alles. Der Verkehr fließt, Pendler haben auf einmal einen Sitzplatz in der S-Bahn. Die Pfingstferien entlasten den Verkehr. Könnte das nicht immer so sein?

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann will das morgendliche Verkehrschaos auch ohne Ferien reduzieren. Der Grüne fordert eine Entzerrung und teilweise Verschiebung des Unterrichtsbeginns. Dafür sprächen seiner Ansicht nach Erkenntnisse der Wissenschaft, laut denen viele Kinder ihre volle Aufnahmefähigkeit erst gegen neun Uhr erreichen, aber auch verkehrsplanerische Erwägungen: „Wir müssen es schaffen, unsere Transportkapazitäten effizienter und zeiteffektiver zu nutzen“, sagt Hermann. „Das könnte gelingen, wenn wir den Schulbeginn besser verteilen, so wie es auch unterschiedliche, gleitende Arbeitsbeginne gibt.“

Ältere Schüler müssten gar nicht so früh anfangen

Sein Vorschlag: Schulen sollten zum Teil später anfangen und vor allem gestaffelt. Ältere Schüler, so der studierte Lehrer, müssten gar nicht so früh anfangen, außerdem gebe es verschiedene Möglichkeiten zur Betreuung, bevor der eigentliche Unterricht starte. „Die größte Entzerrung wäre, wenn endlich nicht mehr überall der Schulbeginn ungefähr um 7.45 Uhr wäre“, sagt Hermann. „Verkehrlich und unter Klimaschutz-Gesichtspunkten wäre das eine extreme Entlastung.“

In Städten, hofft er, würde sich der Stau auflösen. Im ländlichen Raum brauche man „viel weniger Busse, wenn nicht mehr alle gleichzeitig anfangen würden, und man zwei Fuhren nacheinander machen könnte“.

Einen landesweiten Überblick, wann im Land der Unterricht anfängt, gibt es nicht. Darüber entschieden wird in Baden-Württemberg vor Ort: Anders als in vielen anderen Bundesländern, bestimmen im Südwesten die Schulkonferenzen. Dort legen Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler jedes Jahr den Beginn der ersten Stunde fest. Um den Öffentlichen Nahverkehr nicht zu überlasten, sprechen sich Schulen einer Gemeinde oft ab. Die eine beginnt oft um 7.30 Uhr, die nächste um 7.45, die dritte um 8 Uhr.

Auch „Elterntaxis“ tragen zum Verkehrschaos bei

Kultusministerin Susanne Eisenmann, mit der Hermann das Thema schon besprochen hat, sieht an den Entscheidungsstrukturen keinen Änderungsbedarf. „Das wird ganz konkret vor Ort gemeinsam von der Schulleitung, dem Kollegium, den Eltern und Schülerinnen und Schülern festgelegt“, sagt sie, betont aber auch: „Eine Entzerrung des morgendlichen Verkehrs, vor allem in den Städten, halte ich für sinnvoll.“

Die Initiative „Goodbye Elterntaxi“ finde sie deshalb auch „super“. Alle Beteiligten müssten Überzeugungsarbeit leisten, damit Eltern Kinder nicht mit dem Auto zur Schule bringen. „Denn das stellt nicht nur unter Umwelt- und Verkehrsaspekten ein großes Risiko dar, sondern verhindert auch, dass Kinder lernen, ihren Schulweg selbstständig zurückzulegen“, beklagt sie.

Gut möglich, dass Eisenmann das Thema demnächst auf den Tisch bekommt. Denn der Landesschülerbeirat (LSBR), offizielles Beratungsgremium ihres Hauses, bearbeitet es. Am Freitag referierte als Experte der Kölner Schlafmediziner Alfred Wiater vor dem Beirat, sprach über Lichtmangel und gesundheitliche Folgen. Die Realität in den Schulen kennen die Schüler am besten: „Für uns ist es morgens oft ein großer Stress, rechtzeitig in die Schule zu kommen, weil die Busse und Bahnen so überlastet sind und so ein Verkehrschaos herrscht“, sagt der LSBR-Vorsitzende Leandro Cerqueira Karst.

Für die meisten Schüler geht in der ersten Stunde gar nichts

Er beobachtet: „Es gibt zwar Schüler, die morgens topfit sind, aber für die meisten geht in der ersten Stunde noch gar nichts. Da sind sie viel zu müde. Die erste Stunde ist oft umsonst, als hätte sie gar nicht stattgefunden. In der zweiten Stunde geht es dann langsam besser.“

Die Schüler haben nun eine Arbeitsgruppe gebildet, um eine Stellungnahme zu erarbeiten. Schnellschüsse lehnen sie ab. „Ein späterer und gestaffelter Unterrichtsbeginn kann sinnvoll sein. Jedoch müsste man die Schüler dann auch anhalten, nicht einfach später ins Bett zu gehen. Sonst besteht der Schlafmangel trotzdem“, gibt Cerqueira Karst zu bedenken. Einen flexibleren Schulbeginn würde er begrüßen, sagt er. An weiterführenden Schulen könne „eine Art Gleitzeitmodell“ Sinn machen. Doch könne man auch durch Verschiebungen im Stundenplan schon viel erreichen: „Wir sind dafür, dass Hauptfächer nicht gleich morgens in den ersten Stunden stattfinden.“

Das könnte dich auch interessieren: