Es war im Jahr 2007, als sich die damalige schwarz-gelbe Landesregierung einen großen Umbruch in der Gefängnislandschaft vornahm. Viele kleine Standorte, deren Gebäude oft schon knapp 100 Jahre auf dem Buckel hatten, sollten schließen - und dafür zwei große, moderne Anstalten in Offenburg und bei Rottweil gebaut werden. "Justizvollzug 2015" taufte die Regierung vor acht Jahren das Programm.

Nun ist 2015 erreicht - und die Reform nur recht bruchstückhaft umgesetzt. "Im Grundsatz gilt der Plan immer noch", sagt ein Sprecher des Justizministeriums. Doch ein entscheidender Eckpfeiler für die neue Knast-Struktur fehlt noch immer: Auch nach jahrelanger Suche ist es dem Land nicht gelungen, einen geeigneten Standort für das geplante Großgefängnis im Raum Rottweil zu finden. Nicht zuletzt sorgten Bürgerproteste dafür, dass mehrere Standorte verworfen wurden.

"Die Weiterentwicklung und die Umsetzung des Konzepts ist erst möglich, wenn der Neubau zur Verfügung steht", sagt der Sprecher. So sind zumindest im südlichen Landesteil viele Streichkandidaten noch immer im Einsatz. Die kleinen Gefängnisse verursachen nicht nur deutlich höhere Kosten - auch für die Häftlinge sind die Bedingungen in den betagten Gebäuden oft alles andere als optimal. Vorgaben des Verfassungsgerichts zur menschenwürdigen Unterbringung von Häftlingen sind dort ebenso wenig einzuhalten wie moderne Standards, was Sozialarbeit, Therapie oder auch Sportangebote angeht.

Doch etwas hat sich seit 2007 gravierend verändert: War das damalige Konzept noch von einer "seit Jahren angespannten Belegungssituation" im Vollzug getrieben, kann davon heute kaum mehr die Rede sein. Die Zahl der Gefangenen ist stetig gesunken, die Gefängnisse werden leerer. So kann die Landesregierung Einrichtungen schließen, die eigentlich gar nicht auf der Streichliste standen: Das Gefängnis in Ellwangen (Ostalbkreis) zum Beispiel soll Ende des Jahres ganz aufgegeben werden. Selbiges gilt für die Anstalt in Sachsenheim (Ludwigsburg), wie die Bediensteten dort vor kurzem erfuhren. Auch bei Schwäbisch Hall schließt eine Einrichtung: Die "landwirtschaftliche Außenstelle" Kleincomburg - ein Bauernhof, auf dem Gefangene im offenen Vollzug leben und arbeiten - stellt zum 1. Mai den Betrieb ein. Der Grund: Alle drei Betriebe dieser Art in der Region seien unterbelegt und bei weitem nicht ausgelastet; von insgesamt 109 Plätzen waren 2014 laut Justizministerium im Schnitt nur 72 belegt. Weil die sinkenden Zahlen den Druck aus dem System nehmen, wurden zudem geplante Erweiterungen der Anstalten in Mannheim, Ravensburg und Adelsheim laut Ministerium "einstweilen zurückgestellt".

Der deutliche Rückgang der Gefangenenzahlen wird von Experten auf den demographischen Wandel zurückgeführt. "In Haftanstalten sitzen überwiegend junge Männer ein", sagt der Tübinger Kriminologieprofessor Jörg Kinzig. "Und davon gibt es einfach weniger." Mit der Alterung der Gesellschaft nehme die Kriminalität ab. "Das ist auch in vielen anderen europäischen Ländern zu beobachten", sagt Kinzig. Selbst in den USA, wo die Gefangenenzahlen über Jahrzehnte explosionsartig anstiegen, ist seit kurzem der Trend rückläufig.

Die Landesregierung will sich aber nicht darauf verlassen, dass es immer so weitergeht: Es habe in der Vergangenheit oft starke Schwankungen gegeben, die nicht durch die Bevölkerungsentwicklung erklärbar waren, heißt es im Justizministerium. Außerdem sei die "Inhaftiertenquote" - also die Gefangenenzahl im Verhältnis zur Bevölkerung - in Baden-Württemberg im nationalen und internationalen Vergleich derzeit sehr niedrig. Darauf, dass solche fast paradiesischen Zustände von Dauer sind, will man offenbar lieber nicht wetten.

Vom Kloster zur Bio-Landwirtschaft

Geschichte Die Kleincomburg, ein ehemaliges Franziskanerinnenkloster, wurde zuletzt als Landwirtschaftsbetrieb der JVA Schwäbisch Hall genutzt. Er hat 1989 auf organisch-biologischen Landbau umgestellt. Auf dem Hof wird eine der größten Herden der bedrohten Rasse Limpurger Rind gehalten.