Tourismus Gebete und Bratwürste: Schlösser-Programm zur Tischkultur

Stuttgart / Hans Georg Frank 08.01.2018

Pfau mit Trüffel, gebratene Frösche, delikate Bärenschinken, Tee aus Ostasien, das „Schlürfgetränk“ Kaffee aus dem Orient und Schokolade aus Mittelamerika – bei höfischen Gelagen wurde aufgetragen, was das Volk nicht kannte und sich sowieso nicht leisten konnte. Einen Überblick über Sitten und Rituale geben die Staatlichen Schlösser und Gärten mit dem Jahresthema „Von Tisch und Tafel“. 15 historische Schauplätze der Völlerei beteiligen sich an der Gemeinschaftsaktion. Damit wird eine erfolgreiche Reihe fortgesetzt, die 2015 mit „Barock“ begann, 2016 knüpfte die „Welt der Gärten“ an, 2017 stand die Reformation im Mittelpunkt.

 Das Essen bei Hofe war mehr als die Befriedung des Hungers. Wichtiger als die Nahrungsaufnahme waren die Zeremonien mit ausgeklügelter Sitzordnung zur Entfaltung der Pracht. An der Tafel wurde der Reichtum zur Schau gestellt, dazu eigneten sich Fülle der Mahlzeiten, kostbare Gerätschäften und edles Porzellan. Bei Festen konnte es gar nicht exotisch und üppig genug zugehen. „Ich meid’ und hass’ jed’s leere Fass“, begrüßte Kurfürst Ottheinrich seine Gäste in Heidelberg. Herzogin Liselotte von der Pfalz schätzte „kurze Gebete und lange Bratwürste“.

Darbende Bauern

Um den Nachschub machten sich Klöster verdient, waren sie doch Heimstätten der Fischzucht und Kräutergärten, der Braukunst und des Weinbaus. Die Gottesdiener labten sich gerne täglich an zwei Mahlzeiten mit je fünf Gängen. Von jeher galt eine Erkenntnis: „Der Bauer darbt immer, der Bürger oft, der Adlige selten, der Mönch nie.“ Armer Leute Kinder mussten sich mit Brot und Wassersuppe abspeisen lassen, Sprösslinge der Herrscher haben sich süße Sahne und Honig ums Maul geschmiert. In der Notzeit vor 200 Jahren mussten Maikäfer als Suppeneinlage herhalten.

Hofdamen waren frühe Eventmanagerinnen, die rauschende und berauschende Feste organisierten. Improvisationstalent war 1805 gefragt, als sich Kaiser Napoleon kurzfristig bei Württembergs schwergewichtigem Herzog Friedrich in Ludwigsburg ansagte. Hilfreich waren Warmhalteöfen, versteckte Versorgungsgänge und volle Keller.

Im Schlosspark war Platz für Gemüsebeete, in Schwetzingen wurde vor 350 Jahren ein Experimentierfeld für Spargel angelegt. Schon vor Jahrhunderten waren Diäten ein beliebtes Thema nach Fressorgien. Das Fett, glaubte mancher Vielfraß, lasse sich mit Seife aus dem Leib waschen.

Rund 200 Veranstaltungen sind ins Themenjahr gepackt. Bei Führungen sind geschulte und teils zeitgemäß gewandete Spezialisten im Einsatz. Da verrät etwa eine Kammerzofe, dass Markgräfin Amalie im Bruchsaler Schloss ihre Lust auf Naschwerk nicht zügeln konnte.

www.schloesser-und-gaerten.de

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