Ludwigsburg Gall: Tortenattacke ging offenbar von Antifaschisten aus

"Leider keine Arabertorte": Innenminister Gall nimmt die Attacke mit Humor.
"Leider keine Arabertorte": Innenminister Gall nimmt die Attacke mit Humor. © Foto: dpa
HANS GEORG FRANK 10.02.2014
Zur Torten-Attacke auf den Innenminister haben sich Antifaschisten bekannt. Sie wollten Reinhold Gall bei einer Diskussion in Ludwigsburg bestrafen, weil er die Aufklärung der NSU-Morde verhindere.

"Gall getortet!" meldete eine "Heilbronner Konditorei für konsequente Aufklärung" über die Internet-Plattform "Linksunten". Zehn Stunden zuvor war der Innenminister in Ludwigsburg mit einer Himbeersahnetorte angegriffen worden. Bei einer Podiumsdiskussion der Evangelischen Hochschule sollte Reinhold Gall am Freitag sprechen über "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von Buchenwald bis zu den NSU-Morden". Doch ehe er dazu etwas sagen konnte, "haben wir dies verhindert, indem wir eine Torte im Gesicht des SPD-Politikers platzierten", heißt es in dem Bekennerschreiben.

Nach Berichten von Augenzeugen waren fünf junge Männer nach Beginn der Veranstaltung in den Saal gekommen. Sie hielten sich zunächst offenbar im hinteren Bereich auf. Zufällig wurde ein Stuhl in der ersten Reihe frei, wo ein 19-Jähriger aus dem Hohenlohekreis Platz nahm. Aus einem Rucksack soll er die Sahnetorte geholt und auf Gall geschleudert haben.

Dem Anschein nach handelt es sich um eine vorbereitete Aktion. Wie aus dem Kreis der etwa 150 Teilnehmer zu hören war, wurden Gall und seine Personenschützer aus dem Kreis der Aktivisten abgelenkt mit dem Zwischenruf nach einem Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund".

Ein Bodyguard hatte versucht, den Angreifer zu stoppen. Dabei zog er sich eine Verletzung am Bein zu. Gall berichtete später: "Kaum zu glauben, dass eine einzige Torte das Ohr füllt, das Auge verklebt, die Haare verschmiert und den Anzug versaut. Ansonsten alles o. k." Vorsichtshalber wurde er ins Krankenhaus gebracht, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass im sonst harmlosen Wurfgeschoss gefährliche "Zutaten" steckten.

Die Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamtes (LKA) hat die Ermittlungen übernommen. Der Tatverdächtige wurde zwar zunächst festgenommen, aber nicht verhaftet. Er sei "bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten", teilten die Staatsanwaltschaft Heilbronn und das LKA mit. Über das Motiv sei nichts bekannt, hieß es am Wochenende.

Dabei legen die Aktivisten ihren Beweggrund ausführlich dar: "Reinhold Gall hat sich im Zusammenhang mit den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) dadurch hervorgetan, dass er die Aufklärung über das weitreichende Unterstützer-Netzwerk der Nazis be- und verhindert, wo es nur geht." Der Minister habe zu verantworten, "dass dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zum NSU Akten der Landesbehörden nur verspätet oder unvollständig geliefert wurden". Er sei schuld, "dass ein Untersuchungsausschuss durch die grün-rote Landesregierung blockiert wird, obwohl eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Gruppen und Akteure diesen seit Monaten fordern". Er habe die Mitgliedschaft von Polizisten im rassistischen Geheimbund Ku-Klux-Klan "als Einzelfälle verharmlost". Statt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit "Rassismus im Polizeiapparat" plane Gall für angehende Lehrer und Polizisten eine Gesinnungsüberprüfung, "die ein Engagement in linken Organisationen mit der Mitgliedschaft in Nazi-Parteien gleichsetzt".

Die Reaktion fiel in "Linksunten" unterschiedlich aus. Neben Zustimmung ("eine richtige und sehr gute Aktion", "nur mit einer Nagelbombe wäre mehr Aufmerksamkeit und Wirkung erzielt worden") gab es vereinzelt Kritik ("die Antifa wird zum Kindergarten").

Der beworfene Politiker flüchtete sich in Humor. "Leider keine Arabertorte", bedauerte er. Dabei handelt es sich um keine Anspielung auf einen islamistischen Hintergrund. Die Arabertorte - Meringen, Haselnüsse, Sahne, Schokoraspel auf dünnem Biskuitboden - isst Gall am liebsten. Aus seinem persönlichen und politischen Umfeld gab es Trost ("sei froh, dass die Torte nicht gefroren war") und Witze ("da bekommt der Begriff Kalorienbombe eine ganz andere Bedeutung").

Selbst der CDU-Abgeordnete Thomas Blenke, ansonsten einer der schärften Kritiker des Polizeireformers Gall, sorgte sich um des Ministers Heil: "Zum Glück ist dir nichts passiert. Was laufen nur für unsägliche Idioten rum!"

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