Stuttgart Für mehr Akzeptanz

Gemeinsam gegen Homophobie und Vorurteile: Gökay Sofuoglu von der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg (links) und Joachim Stein, Vorstandsmitglied des Schwul-Lesbischen Zentrums Weissenburg.
Gemeinsam gegen Homophobie und Vorurteile: Gökay Sofuoglu von der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg (links) und Joachim Stein, Vorstandsmitglied des Schwul-Lesbischen Zentrums Weissenburg. © Foto: Sylvia Rizvi
Stuttgart / SYLVIA RIZVI 23.10.2015
Jugendliche mit Migrationshintergrund haben oft wenig Chancen, homo- oder transsexuell zu leben. Im Land werben der Türkische Verband und das Schwul-Lesbische Zentrum gemeinsam für mehr Akzeptanz.

Eineinhalb Jahre wurde Esmeralda auf Schritt und Tritt überwacht. Die Familie hackte ihr Computer-Tagebuch, las ihre SMS. Besuche von Freundinnen waren verboten, sie durfte ihr Zimmer nicht mehr abschließen. "Wenn ich fünf Minuten später kam als errechnet, gab es Schläge." Esmeralda war gefangen - zuhause.

Esmeralda, die in Wirklichkeit anders heißt, ist die Tochter von Pakistanis, in Deutschland aufgewachsen - und lesbisch. "Es war eine Internet-Liebe", erzählt sie. "Wir haben nur gesimst und telefoniert, uns aber nie gesehen." Die Familie entdeckte die Liebes-SMS vor ein paar Jahren, als die Gymnasiastin ihr Handy zu Hause herumliegen ließ. "Es gab damals noch keinen Passwortschutz." Die Familie war geschockt. "Dabei wusste ich damals noch gar nicht, ob ich wirklich lesbisch bin", sagt Esmeralda. War es eine einmalige Sache? Könnte sie auch einen Mann lieben? Mit solchen Fragen, die viele Teenager in einer solchen Situation umtreiben, stand sie ganz alleine da.

Als ihr die Hochzeit mit dem Cousin befohlen wurde, floh die damals Minderjährige mit Hilfe von Jugendamt und Beratungsstellen. "Sonst hätte ich ihm nach Pakistan folgen müssen." Seitdem lebt Esmeralda, die heute Mitte zwanzig ist, anonym. Sie hat kein Namensschild an ihrer Haustür. Versicherungen oder Banken dürfen ihren Namen nicht herausgeben.

Wie Esmeralda haben Jugendliche mit Migrationshintergrund oft wenig Chancen, homo- oder transsexuell zu leben, ohne einen Bruch mit den Freunden oder der Familie zu riskieren. Vor allem konservativ-traditionelle und stark religiöse Familien reagieren mit Ablehnung und Scham - oder sogar Gewalt.

Die Türkische Gemeinde Baden-Württemberg (TGBW) hat sich Anfang dieses Jahres mit dem Schwul-Lesbischen Zentrum Weissenburg in Stuttgart aufgemacht, mehr Akzeptanz zu schaffen. Sie haben das Fünf-Jahres-Projekt "Kultursensible sexuelle Orientierung" ins Leben gerufen. Zur Zeit machen Projekt-Mitarbeiter eine Umfrage bei betroffenen Jugendlichen zu ihrer Lage und ihren Wünschen. Die Ergebnisse wollen sie mit (Migranten-)Verbänden und Selbsthilfegruppen diskutieren. Das Ziel: "Betroffene sollen besser leben können und wissen, wo sie Hilfe finden", sagt das Vorstandsmitglied des Schwul-Lesbischen Zentrums Weissenburg, Joachim Stein.

Homosexualität sei etwa unter vielen Muslimen ein Tabu, sagt der TGBW-Landesvorsitzende Gökay Sofuoglu: "Entweder redet man nicht darüber, oder man macht Witze." Die Folgen seien verheerend. Jugendliche würden gemobbt, geschlagen oder zwangsverheiratet. "Der Druck ist sehr groß", sagt Stein, die psychische Belastung enorm. Oft fürchteten sich die jungen Menschen, sich zu outen.

Gökay Sofuoglu irritiert manche Landsleute. Sie kommentieren die Initiative mit schlüpfrigen Witzen. Oder sie fragen, ob er jetzt Werbung für Homosexualität machen wolle. "Dennoch gibt es in der türkischen und anderen Migranten-Communities Neugier", bilanziert der TGBW-Vorsitzende. Sogar einige Imame seien dem Projekt gegenüber offen. Zuweilen würden sie von Gläubigen um Rat gefragt und fühlten sich überfordert.

Für Esmeralda sind Muslime nicht homophober als Christen. "Ich kenne auch christliche Familien, in denen Homosexualität eine Misere auslöste." Hier wie dort sieht sie die Ursache im Festhalten am Altbekannten. "Die Eltern haben sich ein anderes Leben für mich vorgestellt. Sie hatten Angst, dass ich abrutsche. Vor allem fürchteten sie, von der eigenen Community verstoßen zu werden."

Die Pakistani findet heute Halt bei ihrer Lebensgefährtin. Sie hat ihr Abitur nachgemacht und will Soziale Arbeit studieren. Vielleicht kommt es eines Tages zur Versöhnung. Ihr größter Wunsch: "Inklusion. Das heißt, dass Homosexuelle eines Tages nicht mehr diskriminiert sind."

Kultursensible sexuelle Orientierung

Beratung Transgender? Lesbisch? Schwul? Wer anders liebt, wird in Deutschland oft ausgegrenzt. Das Projekt "Andrej ist anders und Selma liebt Sandra. Kultursensible sexuelle Orientierung" will die Situation von LSBTTIQ-Jugendlichen (lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen) verbessern, etwa durch Beratungsangebote. Zielgruppe sind große Migranten-Communities, etwa aus muslimisch geprägten oder osteuropäischen Ländern.

Diskriminierung Zwischen 700.000 und einer Million LSBTTIQ-Menschen leben in Baden-Württemberg - unter ihnen 150.000 bis 200.000 homosexuelle Migrantinnen und Migranten. 54 Prozent erlebten in den letzten fünf Jahren negative Reaktionen auf ihre sexuelle Orientierung. Bei den unter 20-Jährigen waren es gar 65 Prozent.

 

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