Soziales Führt die Wohnungsnot im Land zu mehr Abtreibungen?

Stuttgart / Alisa Grün 04.10.2018

Ein gemütliches Haus, am besten mit Garten, in dem die Kinder spielen können. So ähnlich sieht wohl die Idealvorstellung vieler schwangerer Frauen aus. Das derzeitige Bild ist ein anderes: Manche wären schon froh, überhaupt eine bezahlbare Wohnung zu finden, die Platz für ein Kinderzimmer lässt. Immer mehr werdende Mütter sind deshalb besorgt – manche entscheiden sich sogar dafür, das Kind nicht auszutragen.

Die Konfliktberatungen von Beratungsstellen wie Pro Familia Baden-Württemberg zeigen immer wieder, dass Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen, den Mangel an geeigneten Unterkünften als Grund nennen, weshalb sie das Kind abtreiben wollen. Erst kürzlich wies Rosemarie Daumüller, Geschäftsführerin des Landesfamilienrates, darauf hin: Im Zweifel würde diese Sorge dazu führen, dass Frauen keine oder weniger Kinder bekämen oder eine Schwangerschaft nicht austragen würden. Sie betont aber auch: „Die Wohnungsnot ist zwar ein wesentlicher, aber meist nicht der einzige Grund, wenn sich Frauen gegen ein Kind entscheiden.“

Die Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigen für das erste Halbjahr dieses Jahres bereits 5193 gemeldete Schwangerschaftsabbrüche. Das ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (4853 Abbrüche) ein Anstieg von etwa sieben Prozent. Zum Vergleich: Im gesamten Bundesgebiet sind diese Eingriffe innerhalb der gleichen Zeiträume um 0,2 Prozent zurückgegangen. „Die Betrachtung der totalen Zahlen allein ist nicht aussagekräftig“, relativiert Gudrun Christ, Geschäftsführerin von Pro Familia Baden-Württemberg. Für die Bewertung der Entwicklung sei es nötig, längere Zeiträume und demographische Faktoren einzubeziehen. Christ sagt: „Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche geht über die letzten Jahre betrachtet kontinuierlich zurück, besonders in Baden-Württemberg.“ Waren es 2007 landesweit noch insgesamt 12 359 Abtreibungen, wurden zehn Jahre später insgesamt 9505 gemeldet.

Existenzielle Probleme

Christ bestätigt, dass die Wohnungsnot vermehrt Thema in den Beratungen ist: „Fragen der finanziellen Sicherung und das Problem, bezahlbaren Wohnraum zu finden, werden häufig angesprochen.“ Doch auch sie betont: „Bei einer ungewollten Schwangerschaft können viele Aspekte eine Rolle spielen, wenn sich Frauen am Ende dagegen entscheiden, Mutter zu werden.“

Ähnlich wird es auch im Sozialministerium gesehen. „Aus unserer Sicht geht diese Befürchtung etwas zu weit“, sagt Sprecherin Claudia Krüger. „Wie alle bestehenden Probleme können selbstverständlich auch beengte Wohnverhältnisse bei einer werdenden Mutter beziehungsweise werdenden Eltern Sorgen auslösen oder bestehende Notlagen verstärken.“ Da die Ursachen aber sehr individuell sind, komme hier den Beratungsstellen eine wichtige Aufgabe zu. Sie nehmen sich nicht nur den Sorgen der werdenden Mütter an, sondern suchen „gemeinsam mit der Schwangeren nach Lösungen“.

Doch auch Paare und Familien stelle es vor existenzielle Probleme, wenn die Wohnung mit einem weiteren Familienmitglied zu klein wird, das Familieneinkommen gering ist oder eine neue Bleibe nur in Randgebieten verfügbar ist. Das zeige die viel häufiger angefragte Schwangerenberatung, so Christ.

Um zumindest die Sorgen in Bezug auf die Wohnungsnot abzumildern, sieht Daumüller die Politik in der Pflicht: „Es ist noch auf allen Ebenen viel zu tun.“  Deshalb setzt sich der Landesfamilienrat für bezahlbares und familiengerechtes Wohnen ein. Nach der Verbandschefin sollte es zudem verstärkt staatliche Hilfen für Familien geben. Zusätzlich zum sozialen Wohnungsbau müssten individuelle Leistungen wie etwa das Wohngeld verbessert werden. Außerdem sollte mehr getan werden, um bestehende Flächen aufzustocken oder zu verdichten. Christ argumentiert ähnlich: „Wir brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum. Dieses Thema muss an oberste Stelle der politischen Agenda rücken.“

Immerhin tut sich inzwischen etwas: Erst vor einigen Tagen haben Bund, Länder und Gemeinden im Rahmen des sogenannten Wohnungsgipfels ein Eckpunktepapier vorgelegt. Darin wurde ein Maßnahmenpaket für eine umfassende Wohnraumoffensive mit 1,5 Millionen neuen Wohnungen in Deutschland vereinbart.

Und auch in der baden-württembergischen Politik sei das Politik spätestens mit der Wohnraum-Allianz nun angekommen, sagt Daumüller. Doch langer Atem sei nötig. „Die Erfolge der beschlossenen Maßnahmen brauchen Zeit und werden sich nicht kurzfristig einstellen.“

19

Beratungsstellen hat der Landesverband Pro Familia im Südwesten. 2017 wurden dort 23 000 Gespräche mit 16 000 Frauen in der Schwangerenberatung geführt. In der Konfliktberatung waren es  7100 Gespräche mit 6700 Frauen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel