"Ein unterdurchschnittlich intelligenter Mitläufer der rechten Szene", dessen Geschichten konstruiert erschienen, der gerne prahlte: So beschrieb Kriminaloberkommissarin Julia M. vom Landeskriminalamt (LKA) Hinweisgeber Florian H. am Freitag vor dem NSU-Untersuchungsausschuss. In einer Heilbronner Krankenpflegeschule soll der Eppinger im Sommer 2011 erzählt haben: Er wisse, wer hinter dem Mord 2007 an der Polizistin Michèle Kiesewetter stecke.

Am 16. September 2013 starb H. in einem brennenden Auto am Cannstatter Wasen. Die Stuttgarter Staatsanwalt geht von Suizid aus. Die Eltern sprechen von Mord: Florian H. sei sich seines Lebens nicht mehr sicher gewesen. Zu seinen Hinweisen, so der Vater, gehörte auch, dass der Münchner NSU-Prozess eine Farce sei, weil weitere Personen auf der Anklagebank sitzen müssten - darunter die Personen "Alex, Matze, Nelly und Frntic".

Für Ermittler wie Julia M. ist der Hinweisgeber allerdings ein Lügner. Das denkt auch Matthias Pröfrock, CDU-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss. Der Eppinger habe gemeinsam mit seinem Kumpel "Räuberpistolen erzählt". Die Frage ist also: Wie glaubwürdig war der Zeuge H. und was steckt hinter seinen Angaben zum Polizistenmord? Zur radikalen Kameradschaft Neoschutzstaffel (NSS)? Zur möglichen Beteiligung seines Kumpels Matze K.? War das Szene-Wissen oder ist alles frei erfunden?

Für Jürgen Filius (Grüne) ist die Glaubwürdigkeit von H. seit Freitag gestiegen - und der Obmann ist überzeugt: "Es war richtig, diesen Ausschuss einzusetzen." Auch Wolfgang Drexler (SPD) denkt ähnlich: H. habe "mehr Wahrheiten gesagt hat als nur Blendwerk", erzählte der Ausschussvorsitzende der Nachrichtenagentur dpa.

Der Staatsanwalt hat noch am Todestag von H. den Fall als Suizid erklärt und strafrechtliche Ermittlungen abgelehnt. Das Umfeld wurde nicht befragt, das mögliche Motiv nie geprüft - wider Wissens, dass das LKA den Eppinger just an jenem Tag erneut zu seinen Hinweisen befragen wollte, als er starb.

Rechtsmediziner Heinz-Dieter Wehner erklärte, Florian H. habe Medikamente in einer so hohen Menge im Blut gehabt, dass nicht auszuschließen sei "dass er zum Todeszeitpunkt bewusstlos war". Er hält es bei der "Konstellation von Feuer und Medikamenten für möglich, das etwas von außen beigebracht wurde". Ausschließen könne er dennoch nicht, dass H. selbst das Benzin im Auto gezündet habe.

Erst als der NSU-Untersuchungsausschuss vor einigen Tagen Akten angefordert hatte, entschied das LKA, erneut zu ermitteln - explizit die Spur nach dem einstigen Weggefährten Matze K. Dieser sei, so Oliver R. vom LKA, all die Jahre nicht identifizierbar gewesen - trotz Hakenkreuz-Tatoo auf dem Arm und "NSS"-Tatoo an der Hüfte. Das LKA sei zudem davon ausgegangen, dass es die Kameradschaft "NSS" nicht gibt, weil sie keiner Behörde bekannt gewesen sei.

Allerdings hatten die Ermittler die Chance gehabt, auf Matze K. zu stoßen, etwa nach der Befragung eines rechte Szenegängers im Sommer 2014. Jener Andre H. hatte das mutmaßliche "NSS"-Mitglied benannt. Der Hinweis, so Ermittler Oliver R., sei übersehen worden.

Die Behörde hätte auch auf anderem Wege zu Matze K. aus Neuenstein stoßen können. Florian H. hatte bei einer Vernehmung im Januar 2012 über die "NSS" als zweite radikale Organisation neben dem NSU erzählt - und von einem gemeinsamen Treffen in Öhringen. Er habe, so LKA-Beamtin Julia M., gar eine Skizze vom Ort gezeichnet.

Darauf fuhren Beamte mit dem Aussteiger in den Ort und gelangten letztlich in das "Haus der Jugend". Die Beamtin war überrascht: "Der Raum hat genauso so ausgesehen, wie auf der Skizze." Allerdings sei dort, wo H. Fahnen von "NSS" und NSU beschrieben hatte, Vorhänge gewesen. Für sie ein Indiz, dass H. "sich etwas zusammengereimt hat". Die Stadt habe zudem dementiert, dass dort Veranstaltungen von Rechts stattgefunden haben. Übersehen wurde: Der Vater des rechtsextremen K. ist bei der mobilen Jugendarbeit in Öhringen beschäftigt. Sein Büro ist just in jenem Haus.

Der Ausschuss erhofft sich über die Spur K. neue Hinweise. Nun müsse der Rechtsextreme aber erst gehört werden, so Drexler. Für den SPD-Kollegen Nikolaos Sakellariou ist aber "eine neue Dimension" eingetreten. Clemens Binninger (CDU) vom Berliner NSU-Untersuchungsausschuss erklärte der dpa, die Beamten hätten nicht akribisch genug ermittelt. "Dass man dies erst jetzt tut, nachdem der U-Ausschuss dies einfordert, wirkt wie organisierte Unverantwortlichkeit."

Immer deutlicher wird, dass der Ausschuss die Zeit bis zum 16. Februar 2016 für seine Arbeit voll ausschöpfen muss. Drexler räumt aber ein: "Möglich, dass wir nicht fertig werden." Große Komplexe wie der Polizistenmord in Heilbronn oder Ku-Klux-Klan warten noch.

Alte Hinweise

Zeuge Im Untersuchungsausschuss sagt heute ein ehemaliger Verfassungsschutz-Beamter aus. Er will 2003 einen Hinweis auf den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bekommen haben. Die Behörde bestreitet dies, da der NSU erst 2011 bekannt geworden sei. Daher sei bei der NSU-Mordserie nicht im rechten Milieu ermittelt worden. Der Ausschuss tagt ab 9.30 Uhr öffentlich im Landtag.