Türkei Erleichterung über Mesale Tolus Freilassung

Hüseyin Tolu hält am ein Schild in den Händen, auf dem die Freilassung seiner in der Türkei inhaftierten Schwester Mesale Tolu Corlu gefordert wird.
Hüseyin Tolu hält am ein Schild in den Händen, auf dem die Freilassung seiner in der Türkei inhaftierten Schwester Mesale Tolu Corlu gefordert wird. © Foto: dpa
Ulm/Neu-Ulm / Christoph Mayer (mit Agentur) 18.12.2017
Alle lokalen Akteure sind sich einig: Die Entlassung der wegen „Terrorunterstützung“ angeklagten Ulmer Journalistin ist nur ein Teilerfolg.

Die deutsche Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu ist aus türkischer Haft entlassen worden. Die 33-Jährige verließ am Abend gemeinsam mit Ehemann, Sohn und Vater eine Polizeiwache in Istanbul. Sie bedankte sich bei ihren Unterstützern und kündigte eine Erklärung für den späteren Abend an.

Dennoch: Mesale Tolu ist keine freie Frau. Das Verfahren gegen die 33-Jährige läuft weiter. Mindestens bis zum nächsten Prozess­termin am 26. April darf die in Ulm aufgewachsene Journalistin die Türkei nicht verlassen, muss sich jeden Montag bei der Polizei melden. Dennoch herrschte nach der am Montag von einem Istanbuler Gericht angeordneten Haftentlassung Erleichterung – nicht nur im Familienkreis, sondern auch bei Unterstützern und Politikern.

Familie wieder zusammen

Mesale Tolus Bruder Hüseyin sagte, er sei dankbar, die Hoffnung auf einen Freispruch sei nun gestiegen. „Hauptsache, die Familie ist wieder zusammen. Das ist das Wichtigste.“ Cengiz Dogan vom Solidaritätskreis sagte: „Was wir Woche für Woche gefordert haben, ist wahr geworden. Sie ist bei ihrem Kind und ihrem Mann. Für mich heißt das: Sie ist frei.“

Groß war die Freude auch bei Tolus ehemaliger Lehrerin Angelika Lanninger, die eine zwischenzeitlich von mehr als 100.000 Menschen unterzeichnete Online-Petition gestartet hatte. „Ich könnte heulen vor Erleichterung.“

Marius Weinkauf, Schulleiter des Anna-Essinger-Gymnasiums, an dem Tolu  2006 Abitur  gemacht hatte, findet: „Unser aller Daumendrücken und die Aktionen des Unterstützerkreises haben Mesale Tolu, ihre Familie und ihre Freunde unterstützt und gestärkt. Insofern ist es jetzt zwar an der Zeit, zu feiern, aber in den Forderungen an die türkische Justiz und Regierung keinen Deut nachzugeben.“

OB Gunter Czisch nannte Tolus Freilassung einen „Teilschritt“ auf dem Weg zu einem hoffentlich erreichbaren Freispruch, der aus Sicht von Stadt und Gemeinderat zwingend sei. „Jetzt freuen wir uns erst mal und schnaufen durch.“ Die Solidarität in der Stadt habe unterschiedliche Menschen zusammengebracht. „Man hat gespürt, dass uns ein gemeinsamer Wertekanon verbindet.“

Sein Neu-Ulmer Kollege Gerold Noerenberg sagte, er freue sich, die Freude sei aber nicht ungetrübt: „Auch in der Türkei müssen Meinungs- und Pressefreiheit gewahrt werden. Kritische Berichterstattung gefällt nicht jedem, sie ist aber fundamentaler Bestandteil der demokratischen Willensbildung.“

„Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Freilassung ist ein Zeichen, dass die Vorwürfe keine Substanz haben “, teilte der Ulmer Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Filius mit. Die Neu-Ulmer Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz sprach von „großer Erleichterung“. Jedoch gebe es ein großes Aber. „Die Entlassung ist nur ein kleiner rechtsstaatlicher Schlenker. Mesale Tolu wird weiter ein fadenscheiniger Prozess gemacht – wie vielen anderen dort.“

 Noch kritischer beurteilt Heike Hänsel die Lage. Die Vize-Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag war am Montag als Prozessbeobachterin live dabei. „Die Lage für Journalisten und Politiker in der Türkei bleibt katastrophal, ihre Freiheit ist von der Willkürjustiz Erdogans abhängig. Wir müssen nun in Ruhe sehen, welcher Deal möglicherweise hinter der Haftentlassung Mesale Tolus steht. Und vor allem dürfen wir die übrigen politischen Gefangenen in der Türkei nicht aus den Augen verlieren.“

Verspätete Begrüßung

Schwierigkeiten gab es, als Tolus Vater seine Tochter aus dem Gefängnis im Stadtteil Bakirköy abholen wollte. Entgegen der Zusicherung der Gefängnisleitung sei eine Begegnung verhindert worden, sagte Ali Riza Tolu. „Man hat sie in einem grauen Auto mit abgetönten Scheiben weggebracht, ich weiß nicht wohin.“ Die Aufklärung folgte später: Trotz der gerichtlich angeordneten Entlassung wurde Tolu auf eine Polizeiwache gebracht. Wie ihre Anwältin Gülhan Kaya sagte, habe es zwischen Gericht und Polizei Irritationen um Tolus Status gegeben. Am Abend konnte sie die Wache dann aber in Begleitung ihrer Familie verlassen.

Am Freitag Feier in der Volkshochschule

Solidaritätskreis Unterstützer, Familie und Freunde Mesale Tolus feiern ihre Freilassung am Freitag von 18 Uhr an im Club Orange der Volkshochschule. Jeder, der möchte, kann kommen. Es gibt Informationen aus erster Hand, geplant ist auch eine Video-Live-Schaltung zu Mesale Tolu in Istanbul. Für türkische Leckereien und Getränke ist gesorgt.

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