OB-Wahl Freiburg: Schock nach dem Sieg

Freiburg / Stefan Hupka 07.05.2018
Nach der Wahl von Martin Horn zum OB in Freiburg wechseln sich Freude und Schock ab. Die Gründe für die Niederlage Salomons sind vielfältig.

Auch so sehen leider manchmal Sieger aus. Es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht, da kehrt der Star des Abends zurück zu seinen Fans. Kameraseilschaften stolpern im Rückwärtsgang, Sicherheitsleute bahnen eine Gasse, Jubel brandet auf, als Martin Horn die Treppe zum Tanzsaal des Freiburger Friedrichsbaus erklimmt – was er notgedrungen zum zweiten Mal an diesem Abend tut. Der 33-Jährige ist blass, aber er lächelt. Die markante Brille fehlt. Unter dem linken Auge sitzt ein Pflaster, es verdeckt eine Naht. „Die Nase  ist gebrochen“, sagt er im Vorbei­gehen.

Getreue lotsen ihn auf die Tanzfläche, drücken ihm ein Mikro in die Hand. Nach großen Reden ist ihm erkennbar nicht zumute, jetzt nicht mehr. Er dankt noch einmal dem Team, und dann lädt er ein zum Weiterfeiern. „Heute ist Weltlachtag“, sagt Horn, „das lassen wir uns von so einem Zwischenfall nicht verderben.“ Der DJ schiebt die Regler  hoch, jemand bugsiert Leni Breymaier in Horns Nähe, die Landeschefin der Sozialdemokraten, die den Parteilosen unterstützt hatten. Die beiden machen scheue Anstalten eines Tänzchens, das sich aber bald im allgemeinen Getümmel verliert. Es ist das Ende eines denkwürdigen Abends – der eine jähe Wendung genommen hat ...

Martin Horn steht am frühen Abend im Friedrichsbau in einem Pulk von Gratulanten vor dem DJ-Pult und schüttelt Hände, als ihn der Faustschlag im Gesicht trifft. Er geht zu Boden. Den Gewalttäter packen gleich drei, vier, ziehen ihn in eine Ecke, binnen Minuten ist die Polizei da, legt ihm Handschellen an und nimmt ihn mit. Horns Gesicht  zeigt  Verletzungen, er drückt ein nasses Tuch auf die Wange, die Brille ist kaputt, er wird zur Versorgung in die Uniklinik gefahren.

Ist das zu fassen? Sind es schlechte Verlierer, die so etwas tun? „Ich habe ein Alibi“, knurrt ein prominenter Grüner, findet aber rasch zu Anteilnahme und Mitgefühl. Und dann macht eine gewisse Erleichterung die Runde, einmal, weil sich herumspricht, dass Horns Verletzungen nicht bedrohlich sind, und zweitens, weil ein politisches Motiv  ausscheidet: Der Mann, ein 54-Jähriger aus dem Raum Freiburg, ist psychisch verwirrt und erkennbar paranoid, er stößt nach der Tat immer wieder Flüche aus. Er sei, heißt es,  „Stammkunde“ bei der Polizei.

Stunden vorher sitzt SPD-Stadtrat Stefan Schillinger mit zwei Genossinnen im Fraktionszimmer des Rathauses. Es ist 18 Uhr, die Wahllokale haben  geschlossen. „Ich habe gesagt, jetzt können wir ihm nur noch fest die Daumen drücken“, erzählt  der 40-Jährige tags darauf, „das wird sicher ganz, ganz eng.“

Aber wie so viele Prognosen, so ist auch diese rascher überholt, als Schillinger es sich hat träumen lassen. Schon nach kurzer Zeit ist klar: Horn hat mit 44,2 Prozent gewonnen, Dieter Salomon ist mit 30,7 Prozent abgewählt. Der erste grüne Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt muss nach 16 Jahren Dienstzeit seinen Position räumen, höchst unfreiwillig. Mehr als zwei Drittel der 90 000 Bürger, die zur Wahl gegangen sind, haben dem 57-Jährigen in der zweiten Runde am Sonntag die Stimme verweigert. 24 Prozent  davon votieren für die linksgrüne Bewerberin Monika Stein, die zur zweiten Runde erneut angetreten ist.

Ein klarerer, kühlerer Abschiedsgruß einer Bürgerschaft für einen derart selbstbewussten, prominenten  und vom Erfolg verwöhnten Politiker ist kaum denkbar. Und die Frage stellt sich: Was ist es, das die Freiburger in solchen Scharen  sich von einem Politiker  hat abwenden lassen, den sie noch 2010 im ersten Wahlgang gegen zwei namhafte Bewerber mit gut 50 Prozent bestätigt hatten?  Darauf hört man ganz verschiedene Antworten.  Salomon und seine Verwaltung seien „kaum noch erreichbar“ gewesen für einen Teil der Bürger, sagt  Daniel Becker von den örtlichen Jusos.  Jeder zweite, den man fragt, kann sich an einen Fall erinnern, in dem Bittsteller knapp abgefertigt oder herablassend belehrt worden  seien – selbst  unter Salomons Unterstützern gibt es solche Schilderungen.

 Obwohl Horn parteilos ist, haben die SPD-Genossen den Star noch am Wahlabend  für sich vereinnahmt. Manche träumen bereits von einem landespolitischen Epochenwechsel.  Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der in der Vorwoche  zum „Kavallerie“-Einsatz nach Freiburg kam, wird das Wahlergebnis aufmerksam registrieren. Im kleinen Kreis  zitierte der frühere Maoist neulich mal wieder schmunzelnd den alten Chinesen: Das sei zwar nur eine lokale Wahl, aber „ein Funke kann einen Flächenbrand auslösen“.

Ein Tag nach dem Angriff

Der neue Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) ist nach einem Angriff auf ihn auf dem Weg der Besserung. Er habe eine gebrochene Nase, zwei abgebrochene Zähne sowie Wunden rund um das linke Auge, sagte Horn gestern. Er sei weiter in ärztlicher Behandlung. Zudem sei bei der Attacke seine Brille zerstört worden. „Ich lasse mich davon nicht unterkriegen“, sagte er. Seine Freude über den Wahlsieg werde von der Tat nicht getrübt. Er sei froh, dass es sich laut Polizei um die Attacke eines psychisch kranken Einzel­täters handele und die Beamten kein politisches Motiv gefunden haben. dpa

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