Wissenschaft Forscher Butter über Verschwörungstheorien

Amerikanist  Michael Butter.
Amerikanist Michael Butter. © Foto: Madeleine Wegner
Tübingen / Madeleine Wegner 19.06.2018

Immer mehr Menschen in Deutschland glauben wieder an Verschwörungstheorien. Der Tübinger Anglist Michael Butter ist einer der wenigen, die sich damit wissenschaftlich beschäftigen.

Wie populär sind Verschwörungstheorien derzeit in Deutschland?

Michael Butter: Umfragen zeigen, dass zwischen einem Viertel und einem Drittel der Bevölkerung an Verschwörungstheorien glauben. In Deutschland war das mal ein Mehrheitsphänomen – das ist es noch nicht wieder, aber es ist auch kein Randphänomen, das man ignorieren sollte.

Dennoch sind Sie der Erste
im deutschsprachigen Raum,
der ein wissenschaftliches
Buch über Verschwörungstheorien geschrieben hat. Wie kommt
das?

Das Thema kommt gerade erst hier an. Man lebte lange Zeit in dem Glauben, das betreffe uns nicht und das sei ein Problem der Amerikaner, der Türken oder der Russen. Außerdem haftet dem Thema ein Stigma an: Wer forscht denn überhaupt daran? Doch in nächster Zeit werden sicher ­vermehrt Bücher dazu erscheinen.

Sie schreiben, dass unter
AfD-Anhängern überdurchschnittlich viele an Verschwörungstheorien glauben.

Ja, aber an der Partei-Spitze weiß man, dass es bei uns anders als in Ungarn oder in den USA ist, und dass solche Theorien in Deutschland noch nicht so salonfähig sind – man schreckt damit viele Leute ab. Für neutrale Leser werden diese Theorien im Parteiprogramm deshalb entschärft  durch Signalwörter und zum Beispiel der ‚heimliche Souverän‘ erwähnt, der sich in vielen rechten Verschwörungstheorien wiederfindet.

Welche Theorien sind in Deutschland besonders verbreitet?

Zum Beispiel die Reichsbürgertheorie, wonach Deutschland nie unabhängig geworden ist nach dem Zweiten Weltkrieg und immer noch von den Alliierten regiert wird. Noch viel verbreiteter ist die Verschwörungstheorie vom ‚großen Austausch‘, wonach Deutschland – von irgendwelchen dunklen Kräften – gezielt islamisiert werden soll. Oft soll das eine Finanzoligarchie sein, welche die Ereignisse der letzten Jahrzehnte orchestriert hat: von 9/11 bis zum Schengener Abkommen, um die  Flüchtlingsbewegung von Nordafrika nach Europa in Gang zu setzen und um letztlich die ­deutsche Bevölkerung gegen eine muslimische auszutauschen.

Diese Haltung macht es schwierig, einen konstruktiven Diskurs über  Migration zu führen.

Die große Präsenz von Geflüchteten ist eine enorme Herausforderung. Man müsste intensiv über die kurz- und langfristigen ­Probleme und Chancen diskutieren. Aber wir können keinen gesamtgesellschaftlichen Diskurs führen, wenn ein Teil der Be­völkerung davon ausgeht, dass ­alles ein großes Komplott ist. Dann kann man nicht über Integration reden, weil Integration ja ein Zwischenziel des perfiden Plans ist.

Deutet die Existenz von
Verschwörungstheorien auf
tieferliegende Probleme hin?

Verschwörungstheorien sind immer auch ein Symptom, eine verschobene Reaktion auf reale Probleme. So können sie auf ein Gefühl der kulturellen Entwurzelung hindeuten, vielleicht auch auf Verlustängste in Zeiten der Globalisierung oder die Angst um den eigenen Job. Da ist man sehr schnell bei populistischen Bewegungen und diese sind ja auch sehr empfänglich für Verschwörungstheorien. Ich halte Verschwörungstheorien für symbolische Reaktionen auf durchaus reale Ängste sowie ernst zu nehmende Probleme und Herausforderungen. Aber diese äußern sich eben auf eine so verzerrte Art und Weise, dass es zu keiner Lösung der Probleme führen kann, sondern sie nur weiter verschärft werden.

Warum ist es eigentlich so
schwierig, mit Anhängern von
Verschwörungstheorien zu
diskutieren?

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sich diese Menschen über ihren Glauben identifizieren. Besonders wenn es, wie bei uns noch immer der Fall, nicht normal ist, an Verschwörungstheorien zu glauben, wird es für die, die das tun, zu einem wesentlichen Faktor ihrer Identität. Damit versichern sie sich letztlich auch ihrer eigenen Besonderheit. Sie sind diejenigen, die verstanden haben, wie die Welt funktioniert, während die anderen schlafend durchs Leben laufen.

Wissenschaftler und Autor

Michael Butter lehrt Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Uni Tübingen und leitet ein europäisches Forschungsnetzwerk zu Verschwörungstheorien. Nun ist sein Buch „Nichts ist, wie es scheint“ erschienen. Es ist im deutschsprachigen Raum das erste wissenschaftliche Buch über Verschwörungstheorien (Suhrkamp, 271 Seiten, 18 Euro). del

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel