Winnenden Fliegen nach dem Amoklauf

Der ehemalige Winnender Schüler Christian Seifert hat seine Erfahrung des Amoklaufs mit einem Pilotenschein und einem Roman verarbeitet.
Der ehemalige Winnender Schüler Christian Seifert hat seine Erfahrung des Amoklaufs mit einem Pilotenschein und einem Roman verarbeitet. © Foto: epd
Winnenden / CHRISTOPH LUDWIG, EPD 28.10.2014
Der Traum war stärker als das Trauma: Der Winnender Schüler Christian Seifert hat die Erfahrung des Amoklaufs von 2009 mit einem Pilotenschein und dem Schreiben eines Romans therapiert.

Startklar steht die gelbe Piper am vorgeschriebenen Punkt am Flughafen Stuttgart. Ganz allein auf dieser riesigen Startbahn hat Patrick-Philippe Christian Seifert jetzt den Schubhebel fest in der Hand und gibt Gas, bis die einmotorige Kiste ins schwäbische Himmelblau entschwindet. Eine Linkskurve und dann geradeaus fliegt der 20-Jährige, bis er unter sich den Ort erblickt, an dem er vor fünf Jahren fast sein Leben verloren hätte.

Da sind sie wieder, die unauslöschlichen Bilder im Kopf, als wäre es eben erst passiert. Am 11. März 2009 begann ein Schultag wie jeder andere an der Albertville-Realschule in Winnenden (Rems-Murr-Kreis). Doch plötzlich öffnete sich die Tür des Klassenzimmers, ein bewaffneter Schüler trat ein und schoss ohne Vorwarnung. Seifert begriff augenblicklich den Amoklauf und rief "Unter die Tische!". Das habe ihm und vielen anderen das Leben gerettet, sagt er heute.

Verirrte und abgelenkte Kugeln streiften den damals 15-Jährigen leicht. Drei Schülerinnen im Klassenzimmer starben. Da verließ der Mörder den Raum. Geistesgegenwärtig verriegelte die Lehrerin die Türe. Der Schütze schoss auf das Schloss, kriegt es aber nicht kaputt.

Seifert hat überlebt. Und die psychische Belastung? "Bloß keine Therapie", sagte er sich, und seine Mutter fand den passenden Weg: Fliegen. Tanja Seiferts Sohn bestand schon als kleiner Junge darauf, nur dann in die Badewanne zu gehen, wenn sie seinen Flugsimulator-PC immer wider anstupste, damit er nach dem Bad gleich weiter spielen konnte. Im Herbst 2009 brachte sie ihn zu einem Schnupperflug an den Stuttgarter Flughafen. Im Alter von 17 Jahren erwarb er als einer der Jüngsten in Deutschland die Privatpilotenlizenz für einmotorige Flieger.

Wenn der junge Mann mit dem erfrischenden Lachen die gemietete Piper über die riesige Startbahn in den Himmel steuert, kann er alles Erlebte hinter sich lassen. "Das ist es, was ich brauche nach dem schlimmen Erlebnis", sagt Seifert, "hier habe ich die totale Kontrolle!"

Es ist sein großer Traum, eines Tages um die Welt zu fliegen. Dieser Traum diente ihm bereits als Vorlage für ein Buch. Das Buch schrieb er als seine ganz persönliche Therapie, um den großen Alptraum vom März 2009 durch die Erzählung einer ganz ähnlich erdachten Fiktion zu verarbeiten.

Im Eigenverlag 2012 publiziert, beschreibt Seifert in dem Roman einen 16-jährigen Jungen, dessen Freundin Kate und viele seiner Freunde bei einem Amoklauf in den USA ums Leben kommen. Wie der amerikanische Junge, durch virtuelles Fliegen längst fit, Kate den ersten Flug des Lebens schenkt, den er mit dem Schulterblick des Fluglehrers schon selbst steuern darf. Nachdem sie bei einem Amoklauf stirbt, beschließt er, den gemeinsamen Traum einer Weltumrundung im Kleinflugzeug allein zu starten. An einem heißen Sommertag geht es los - mit den Worten seiner Freundin im Ohr: "Du bist unter den Flügeln der Engel!"

Am schlimmsten nach dem Amoklauf war für Seifert das Verlustgefühl. Die eigene Schule im Fernsehen, Orte seines Lebens im Radio, Namen von Mitschülern in den Todesanzeigen. Bilder und Geräusche im Kopf begleiten ihn seither. Seifert hat seinen Weg gefunden, damit umzugehen - indem er offen darüber spricht und seine Träume verwirklicht.

Abheben als Kapitän eines Jumbo etwa, was im Sommer 2015 wahr werden könnte, wenn er die Verkehrspilotenschule absolviert haben wird. "Für alle Fälle" studiert er aber auch Kommunikationswissenschaften an der Universität Hohenheim. Der junge Mann weiß um sein Glück, er hat es erlebt.

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