Stuttgart 21 Fildertunnel: Routinierter Durchbruch

Stuttgart / Fabian Ziehe 07.08.2018

Sphärische Klänge verlieren sich in den Röhren, Lichtkegel tauchen Beton in sanftes Lila. Der Bagger ist adrett drapiert, das Baustellen-Chaos hinter Flatterbänder verbannt, der Staub weggekehrt: Unter Stuttgart wird heute gefeiert. Ein Projektor wirft Bilder von Arbeitern an die Wand. Die Botschaft: Mensch und Maschine haben es geschafft – trotz aller Zweifel.

Die Inszenierung gilt diesem Dienstag nicht der Presse: Die Tunnelbauer wollen gemeinsam feiern. Der eigentliche Durchbruch war im Juli, da erreichte die Vortriebsmaschine „Suse“ den Talkessel und vollendete die Weströhre des Fildertunnels. Der Koloss von 120 Metern Länge, 2000 Tonnen Gewicht und elf Metern Höhe, hat die Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Flughafen geschlossen.

Lauer Wind weht einem auf dem Weg zur Vortriebsmaschine entgegen. Statt nur den bloßen Bohrer vorzuführen, der wie ein gigantischer Nacktmull aus seinem Bau guckt, inszeniert eine Lichtshow das Gerät. Projektionen versetzen den Bohrkopf, den „Schild“, scheinbar in Drehung.

Manfred Leger zückt sein Handy, reiht sich in die Phalanx leuchtender Displays ein. „Das ist ein geniales Gefühl“, sagt der Chef des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm. Das erste Mal sei man „mit einer Röhre in Stuttgart angekommen“, 70 Prozent aller Röhren seien gebohrt. Klingt nach routinierter Euphorie und etwas nach „Und wir haben es doch geschafft!“.

Ein schwer vorstellbares Manöver

Der Tunnel, der am Degerlocher Kreuz von A 8 und B 27  eintaucht und in den Tiefbahnhof münden wird, war wie vieles bei S 21 umstritten. Zum einen, weil die Röhren  unter Häusern liegen – was Graben und Sprengen erschwert. Zum anderen wegen Linsen von Anhydrit, die durchbohrt wurden. Bei Kontakt mit Wasser dehnt sich die Gips-Schicht und beschädigt das Gebaute. Doch: „Alles hat geklappt“, versichert Leger. Da bis jetzt kein Aufquellen entdeckt wurde, sei das auch für die Zukunft unwahrscheinlich. Das mache Mut für die die letzten dreieinhalb Kilometer, die sich „Suse“ wieder hoch arbeiten wird: von Herbst an wird die Oströhre gebohrt. Ingenieur Andreas Berner, Teamleiter in diesem Bauabschnitt, zeigt den Tunnel hinunter, der sich im Neonlicht-Schein nach rechts wegdreht. Dort hinunter zur Wendekaverne, wo gleich die Party beginnt, wird in den nächsten Wochen Suse gebracht – angefangen beim Schild, der alleine schon 1000 Tonnen wiegt. Der Bauingenieur rattert Details runter: Derweil Suses Kopf per Luftkissen um 180 Grad gedreht in den Röhrenstummel nebenan bugsiert wird, werden die restlichen sechs Teile auf Achsen gesetzt und so gewendet. Ein schwer vorstellbares Manöver. 

Miteinander reden

Für den Andreas Rath ist heute ein Tag zum Posieren: Fotografen lichten den Österreicher vor Suse ab. Als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft ATCOST 21 ist er quasi oberster Mineur im Fildertunnel – und sah sich im Stuttgarter Untergrund besonders herausgefordert: In manchen Passagen waren es nur zehn Meter zur Bebauung darüber. Auch wenn er zuvor schon Tunnel unter Wien gebohrt hat: Den Häusern so nah zu kommen, das sei etwas Besonderes. Da müsse man mit Anwohnern und Stadt aushandeln, wann man bohrt und sprengt. Und man müsse den Mineuren erklären, warum es langsamer vorangeht. Sein Fazit: Man muss miteinander reden, „dann gelingt so etwas“.

Kurz vor Ende des Besuchs bei Suse, wird die Sicht trübe, es knirscht zwischen den Zähnen. Irgendwo hat jemand wohl versehentlich ein Gebläse angemacht. Ein kleines Malheur. Doch auch dieser Staub wird sich legen.

Der Fildertunnel

Bau Mit 9468 Metern ist der Fildertunnel der längste des Projekts Stuttgart–Ulm und der drittlängste der Republik. Seine zwei Röhren verbinden künftig den Hauptbahnhof  und den Flughafen. Der Rohbau soll mit Ende der vierten Bergfahrt von „Suse“ im Sommer 2019 fertig sein. Die Innenschale, bestehend aus einzelnen Betonelementen (Tübbinge), werden dabei direkt beim Durchfahren eingebaut. Von Ende 2020 an werden dann die Bahntechnik und der Oberbau installiert.

Verkürzung Die Züge kommen künftig in 8 Minuten vom Bahnhof zum Flughafen. Bislang braucht die S-Bahn 28 Minuten. zie

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