Heilbronn Festivalmacher müssen kämpfen

Beim legendären Festival auf dem Heilbronner Gaffenberg bringen selbst Stars wie Mike Rutherford keine ausverkaufte Abende mehr. Foto: Roland Schweizer
Beim legendären Festival auf dem Heilbronner Gaffenberg bringen selbst Stars wie Mike Rutherford keine ausverkaufte Abende mehr. Foto: Roland Schweizer
Heilbronn / HANS GEORG FRANK 15.07.2013
Eine kulturelle Kuriosität sorgt in Heilbronn für Erstaunen. Zwei Festivals auf kirchlichem Freizeitgelände entwickeln sich völlig gegensätzlich. Der Pionier kämpft ums Überleben, der Neuling wird überrannt.

Rudi Faul ist ratlos. Der Vorsitzende des Heilbronner Kulturtagevereins weiß nicht mehr, wie er das Überleben des Festivals auf dem Gaffenberg sichern kann, das sein Verein erstmals 1986 ausgerichtet hat. Die unterhaltsamen Tage auf dem Gelände einer evangelischen Freizeiteinrichtung erlebten einst einen solch großen Zuspruch, dass 20 000 Tickets schon wenige Stunden nach Vorverkaufsstart vergriffen waren. Das Gelände mitten im Wald wurde zur Pilgerstätte für ein Publikum, das sich leicht begeistern ließ. Anfangs wurden vier Bühnen bespielt.

Der Gaffenberg erlangte rasch Kultstatus. Doch nicht nur die Konkurrenz in der Umgebung wurde größer, auch die Beliebtheit der Kulturtage ließ nach. Fauls Verein verordnete sich eine Denkpause. Die Renaissance wurde 2011 auf eine Bühne beschränkt. Doch vom Mythos der guten Zeiten ist nur noch wenig zu spüren. Besucher bleiben in solchem Maße weg, dass der Verein schon zufrieden ist, wenn er keine roten Zahlen schreiben muss. Die feine Heilbronner Gesellschaft, die sich früher am Sekt- und Weinstand sehen ließ, ohne an den Darbietungen der Künstler wirklich interessiert zu sein, scheint sich Abstinenz verordnet zu haben.

Den wahren Grund für den schleichenden Niedergang kennt Rudi Faul nicht. Statt Mega-Event wird jetzt das Heil gesucht mit "Nischen", mit einem Mix aus Geheimtipp und Weltstar für Jung und Alt. Doch kein einziger Abend war ausverkauft. "Was sollen wir denn noch machen", hätte Faul gern gewusst. Der Gaffenberg ist zum Mysterium geworden. Dabei wäre personell die Zukunft gesichert. Die Kinder der Gründer arbeiten bereits fleißig mit und bringen ihre Ideen ein.

Gleichzeitig mit dem Abstieg des Gaffenbergs lässt sich jetzt zum fünften Mal auf einem 285 Meter hohen Hügel namens Haigern der erstaunliche Höhenflug eines anders konzipierten Festivals besichtigen. Auf dem Gelände eines katholischen Ferienheimes erlebt dessen Förderverein einen Ansturm, der an die Anfangszeit auf dem Gaffenberg erinnert. Kamen 2009 rund 2000 Leute zur Premiere, werden, bei passendem Wetter, von 19. bis 21. Juli bis zu 20 000 Besucher erwartet. 100 Künstler, zumeist nur lokal bekannt, liefern 30 Stunden Musik unterschiedlichster Genres. Alle treten ohne Gage auf. Der gesamte Erlös, auch aus dem Verkauf an Verpflegungsständen, fließt in die Verbesserung der Infrastruktur des Heimes. Außerdem finanziert der Verein den Ferienaufenthalt von Kindern aus bedürftigen Familien.

Die Macher von "Haigern live" müssen sogar darüber nachdenken, wie sie den Andrang begrenzen können. Deshalb pausieren die Shuttlebusse, sobald 9000 Menschen auf dem Berg sind. Der Haigern ist für den Individualverkehr gesperrt - nach dem Vorbild des Gaffenbergs.

Der Eintritt bei "Haigern live" ist frei, dagegen kostete eine Karte auf dem Gaffenberg für das Gastspiel von Mike & the Mechanics 48 Euro. Die Kreissparkasse tritt an beiden Schauplätzen als Sponsor auf. Der Haigern allerdings scheint bei den Bankern beliebter zu sein, haben sie doch diese Erhebung mit schönem Blick auf Heilbronn für eine eigene Veranstaltung ausgesucht. Am Mittwoch gibt es einen kommerziellen "Comedyabend". Rudi Fauls Verein findet diese zeitliche und thematische Nähe zum eigenen Programm gar nicht lustig.