Würth-Prozess in Gießen Fall Würth: Verdächtiger durch Stimme überführt und nun vor Gericht

Absperrband am Tatort.
Absperrband am Tatort. © Foto: dpa
Gießen / Hans Georg Frank 04.09.2018

Wenn der Prozess wegen der Entführung des Künzelsauer Unternehmersohns Markus Würth in Gießen beginnt, wird Vater Reinhold im hohenlohischen Waldenburg ein neues Vier-Sterne-Hotel eröffnen. Die Familie trete nicht als Nebenkläger auf, sagte Kathrin Exler, Sprecherin des Landgerichts in Hessen, der SÜDWEST PRESSE. Aber die Mutter, Carmen Würth (81), sei als Zeugin geladen. Von ihr soll der Täter das Lösegeld von 3 Millionen Euro gefordert haben, teilte das Gericht mit.

Markus Würth, damals 50 Jahre alt, war am 17. Juni 2015 aus einer Beschützenden Einrichtung im nordhessischen Schlitz (Vogelsbergkreis) entführt worden. Er lebte dort seit 30 Jahren. Am anderen Morgen, gegen 8 Uhr, war er unterkühlt, aber körperlich unversehrt gefunden worden. Sein Kidnapper hatte ihn mit einer Kette an einen Baum in einem Wald bei Würzburg gefesselt. Der bangenden Familie war der genaue Ort mittels Geodaten mitgeteilt worden.  Geld wurde nicht übergeben.

Behinderung rettete Opfer das Leben

Das Opfer ist wegen eines Impffehlers seit frühester Kindheit behindert, konnte deshalb nichts zur Aufklärung des Falles beitragen. „Hätte er das gekonnt, wäre er heute nicht mehr am Leben“, ist Daniel Muth, Leiter der Sonderkommission, überzeugt.

Der nicht vorbestrafte Angeklagte war rund 1000 Tage nach der Entführung im fünften Stock eines Hochhauses in Offenbach festgenommen worden. Den entscheidenden Hinweis hatte eine Frau gegeben, die seine Stimme wiedererkannt haben wollte. Es handle sich zweifelsfrei um einem Handwerker, der bei ihr tätig gewesen sei. Dem Tipp folgten „umfangreiche operative Maßnahmen“, wie Muth sagte und damit wohl auch die Telefonüberwachung meinte.

Einsatz

Eine Spezialeinheit griff am 14. März 2018 erst zu, nachdem Sprachexperten sich ganz sicher waren. Auf deren Erkenntnissen basiert nicht nur die Festnahme, auch die Anklage stützt sich auf die Fachleute des Bundeskriminalamtes und der Universität Marburg. Sie hatten Herkunft und Aufenthaltsbereich derart exakt lokalisiert, dass ein sehr detailliertes Täterprofil möglich wurde. Die Strafkammer hatte allerdings vor Prozessbeginn ein weiteres stimmenvergleichendes Gutachten angeordnet.

Verdächtiger

Der Verhaftete, dessen Namen das Landgericht Gießen mit Nedzad A. angibt, stammte aus dem bosnisch-herzegowinischen Grenzgebiet. Er ist 48 Jahre alt und verheirateter Vater zweier Kinder. Zwar bestritt er bei der Vernehmung die Entführung, aber seine wortreichen, fast zehnstündigen Ausführungen bestätigten die Annahme der Krimi­nalpolizei. „Wir haben keinen ­Täter gesucht, der lange Jahre polizeierfahren ist, einen so genannten Gewaltverbrecher“, betonte Muth. Sie hätten vielmehr einen Mann im Visier gehabt mit „eher liebenswürdigerer Art“, der kommunikativ sei und erfahren im Umgang mit Menschen. Das treffe auf Nedzad A. zu. Als Motiv werden finanzielle Probleme vermutet.

Bisher bekannt

Bei der Pressekonferenz nach der Verhaftung erklärte der Staatsanwalt Thomas Hauburger, „eine Alleintäterschaft wäre ­möglich“ gewesen. Über eventuelle Komplizen wurde seither nichts bekannt, ganz ausgeschlossen wurden sie freilich nicht. Nun verweist das Landgericht auf die Anklageschrift, wonach davon ausgegangen werde, A. „habe sich als Mittäter an der von weiteren, den Ermittlungsbehörden unbekannten Tätern durchgeführten Entführung beteiligt“.

Für den Prozess wegen er­presserischen Menschenraubs hat die 2. Große Strafkammer unter Vorsitz von Jost Holtzmann zwölf Verhandlungstage angesetzt. Beginn ist am 11. September, dann soll nur die Anklage verlesen werden. Insgesamt elf Zeugen sind für den dritten und vierten Verhandlungstag geladen. Ein Urteil wäre nach dieser Planung am 4. Dezember zu er­warten.

Zweiter Erpressungsversuch

Der Kidnapper von Markus Würth hat nach Erkenntnissen der Polizei ein zweites Mal versucht, die Familie zu erpressen. Trotz des Fahndungsdrucks soll der Mann im April 2017 per E-Mail Kontakt mit Würth aufgenommen haben. Er habe vier Monate lang mit der Entführung von Markus Würth oder eines anderen Familienmitglieds gedroht, wenn er nicht 70 Millionen Euro in einer Kryptowährung erhalte. „Das war eine äußerst belastende Situation für die Familie“, sagte der Soko-Chef.

In der Anklage findet sich dieser Fall nicht. Weil dem Tatverdächtigen „ein Rücktritt vom Versuch“ zugutegehalten werden müsse, sei eine Strafe nicht möglich, verwies Staatsanwalt Frank Späth auf Paragraf 24 der Strafprozessordnung. hgf

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