Meinung Kommentar zum Fall Staufen: Fragwürdiger Straf-Rabatt

Roland Müller.
Roland Müller. © Foto: Volkmar Könneke
Freiburg / Roland Müller 16.05.2018
Das Urteil gegen einen der Täter im Staufener Missbrauchsfall ist juristisch in Ordnung – und wirkt doch unangemessen milde.

An den Stuhl gefesselt, bedroht, reihum missbraucht und dabei auf Video gebannt: Der jahrelange Missbrauch an dem kleinen Luca in Staufen ist einer der schlimmsten Fälle, die die Republik gesehen hat. Einige Details aus dem Gerichtssaal waren zu schrecklich, um sie öffentlich zu berichten – und die Skrupellosigkeit und kriminelle Energie, die die Täter aufbrachten, indem sie das Kind (als „Anbieter“ und „Kunden“) zu einer Ware im Darknet machten, rauben einem den Atem.

Daran gemessen, wirken die acht Jahre Haft für den 50-jährigen Soldaten Knut S. nahezu milde. Das Höchstmaß für schweren sexuellen Missbrauch von Kindern liegt bei 15 Jahren. Was, fragt man sich, muss passieren, dass dieses Maß ausgeschöpft wird?

Doch isoliert für den Angeklagten Knut S. betrachtet, ist der Richterspruch juristisch nachvollziehbar: Der 50-Jährige ist kein Wiederholungstäter, er war bisher „nur“ wegen Besitzes von Kinderpornos vorbelastet. Daher scheidet eine Sicherungsverwahrung aus. Er hat Reue gezeigt, gilt als therapierbar. Und Knut S. ist nicht der Haupttäter im „Fall Staufen“, war offenbar „nur“ in zwei Fällen an dem Martyrium des Kindes beteiligt. Das höchste Strafmaß ist juristisch für Fälle reserviert, in denen ein Täter ein Kind zig-, ja hundertfach zum Opfer macht. Auch diese Fälle gibt es – leider öfter, als man es glauben mag, und allzu oft in der eigenen Familie. Wenn die Haupttäter in dem Fall, die Mutter des Kindes und ihr Lebensgefährte Christian L., abgeurteilt werden, dürfte der Strafrahmen eher ausgeschöpft werden.

Natürlich, ein schales Gefühl bleibt, und das nicht nur in diesem Fall: Ein Straf-Rabatt allein deshalb, weil immer noch Schlimmeres denkbar ist, wirkt seltsam unangemessen angesichts der Folgen schweren Kindesmissbrauchs. Doch Recht und Gesetz funktionieren nach ihrer eigenen, nüchternen Arithmetik. Die passt selten zum Bauchgefühl – und das ist in der Regel auch gut so.

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