Meinung Kommentar zum Fall Staufen: Die Wahrheit ist unbequem

Am Dienstag fiel das Urteil im Staufen-Prozess.
Am Dienstag fiel das Urteil im Staufen-Prozess. © Foto: dpa
Freiburg / Roland Müller 07.08.2018
Schnelle Prozesse, harte Urteile: Die Justiz hat im Missbrauchsfall Staufen funktioniert. Lernen muss die Gesellschaft daraus. Ein Kommentar von Roland Müller.

Eine Mutter, die ihr Kind für Vergewaltigungen im Netz verkauft, Männer, die den Jungen gegen Geld jahrelang skrupellos missbrauchen: Der Missbrauchsfall von Staufen macht noch immer fassungs- und sprachlos. Die Strafjustiz hat am Dienstag ihre Antwort gefunden. Zwölfeinhalb Jahre Haft für die Mutter Berrin T., zwölf Jahre plus Sicherungsverwahrung für den Lebensgefährten Christian L.: Mit dem Urteil hat das Gericht einen bodenlosen Abgrund an Verkommenheit vorerst verschlossen – mit der klaren Sprache des Rechts. Die insgesamt sieben Prozesse des Staufen-Komplexes hat die Justiz binnen weniger Monate mit ungewöhnlicher Schnelligkeit und Konsequenz durchgezogen – das ist ein starkes Signal des Rechtsstaats.

Die gesellschaftlichen Fragen aber kann das Gericht nicht lösen, und sie stellen sich immer wieder neu nach Fällen wie diesen. Denn von einer echten Kultur des Hinsehens sind wir immer noch weit entfernt. Lieber schaut man beiseite – oder ängstigt sich vor Popanzen, die es so kaum gibt: Kinderschänder, das sind für viele immer noch fremde böse Männer, die in dunklen Autos um Schulen kreisen und auf Kinder lauern. Die Wahrheit ist viel unbequemer, sie tut weh: Die Täter sind nicht fremd. Die Gefahr, das zeigt die Statistik, lauert fast immer im engen Umfeld, meist in der eigenen Familie. „Eine Mutter schützt doch ihr Kind” – auch diese Wunschvorstellung, die Jugendamt und Familienrichter im Fall Staufen blind für die Realität gemacht hat, erweist sich allzu oft als Trugschluss. Hoffentlich lernen wir alle daraus.

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