Stuttgart Fall Bögerl: Mühsame Suche nach dem Mörder

An den Wänden hängen Fotos und Skizzen: Soko-Chef Volker Zaiß in der Stuttgarter Schaltzentrale der Ermittler im Fall Bögerl.
An den Wänden hängen Fotos und Skizzen: Soko-Chef Volker Zaiß in der Stuttgarter Schaltzentrale der Ermittler im Fall Bögerl. © Foto: Erwin Bachmann
Stuttgart / ERWIN BACHMANN 21.03.2012
Sie wollen Maria Bögerls Mörder fassen - und stürzen sich täglich aufs Neue in Kleinstarbeit. Für diesen Job sind Ermittler mit besonderer Ausdauer gefragt. Ein Besuch in der Zentrale der Soko "Flagge".

Ein schmaler Flur, reihenweise Bürotüren, dann ein an die Wand des Altbaus gepinntes Papierschild: "Soko Flagge". Hier also laufen sie zusammen, die Fäden im nach wie vor ungelösten Mordfall Bögerl. Sieben Kriminalisten arbeiten in der Landespolizeidirektion Stuttgart an der Lösung eines "der komplexesten Fälle in Baden-Württemberg mit einer wahnsinnigen Ermittlungstiefe", wie der neue Soko-Chef Volker Zaiß sagt. Knapp zwei Jahre sind seit der Tat vergangen. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Zaiß nur noch jene ausdauernden Ermittler im Team brauchen kann, die "die Kuttel haben, auch nach der 1000. Spur weiterzulesen", wie er auf gut schwäbisch sagt.

An den Wänden hängen Fotos, Skizzen und Karten. Ein sich immer wieder wandelndes Bild: Zuordnungen von Tat- und Fundorten, Spurenbildern und Asservaten. Festgenagelte Erinnerungen, mittendrin das Foto von Maria Bögerl. Es ist Klein- und Kleinstarbeit, in die sich die Ermittler täglich stürzen, die Arbeit an einem Mosaik, dessen Umrisse noch immer nicht erkennbar sind. "Wir sind auf der gesamten Bandbreite aller möglichen Tathypothesen unterwegs", sagt Zaiß.

Noch sind um die 900 Spuren offen - die morgen schon wieder 1000 sein können, weil sich alles ständig bewegt. Das bisherige Wissen der Soko ist in einer riesigen Datenbank und einem auf 600 Ordner angewachsenen Aktenwerk gespeichert. Es kreist um die vier Tatorte des Falls. Da ist die Schnaitheimer Wohnung, aus der Maria Bögerl am 12. Mai 2010 entführt worden ist - eine für den Täter hochbrisante Situation, so Zaiß, dessen Mannschaft, zu der neun Kollegen in der Heidenheimer Polizeidirektion gehören, immer wieder aufs Neue das dortige Umfeld befragt. In der festen Annahme, dass es irgendjemanden geben muss, der das Wegfahren von Opfer und Täter beobachtet haben muss, versuchen die Ermittler, das Blickfeld von Menschen zu erweitern, die zumindest bewusst nichts gesehen haben. "Wir suchen nicht den Mann mit der Maske, sondern den Unauffälligen."

Da ist der Hof des Klosters Neresheim, in dem das Auto von Maria Bögerl abgestellt war. Helfen sieben Kippen selbst hergestellter Zigaretten der Marke "Gizeh" weiter? Stammen diese beim Auto gefundenen Hinterlassenschaften vom Täter? Und warum hat der sich ausgerechnet den auffälligen Ort des Klosterhofs ausgesucht? "Die Zahl der Thesen und Gegenthesen ist enorm. Wichtig ist nur, nichts wegzulegen, sondern alles offen zu lassen."

3000 freiwillig abgegebene Speichelproben haben die Beamten bislang ausgewertet, um im Ausschlussverfahren alle im Auto von Maria Bögerl gesicherten Spuren zuordnen zu können. Um die Spur einer Handschließe - das Plagiat eines nicht mehr existenten Herstellers - zu verfolgen, mit der Maria Bögerl gefesselt war, wurde sogar in Kalifornien und Taiwan ermittelt.

Aktuell ist man bei der Soko dabei, an Holzkäufer heranzutreten, die in der Nähe des Leichenfundorts - das ist der dritte Tatort - Flächenlose gekauft haben. Kannte der Täter sich hier aus? Um Antworten zu finden, arbeiten dem festen Soko-Stamm auch Spezialisten zu, etwa "Profiler" sowie Wissenschaftler des kriminaltechnischen Instituts. Darunter Biologen, die beispielsweise Erdproben aus dem blutverschmierten Bögerl-Auto analysiert und auch die aus einem Ast bestehende Fahnenstange untersucht haben, an der die Deutschlandfahne hing, die den Schauplatz der gescheiterten Geldübergabe - vierter Tatort - markiert hat: Kommt das Stück Holz aus dem Wald, aus einem Gebüsch oder einem Garten?

Sisyphos steht Pate bei all dieser kriminalistischen Arbeit. Und doch geht Volker Zaiß davon aus, irgendwann ans Ziel zu kommen. Er hat, wie er sagt, eine gewisse Präferenz für Altfälle.

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