Krawalle Fakten-Check zu Schorndorf: Was wirklich passierte, woher Fehlinfos kamen

Die Polizei im Schlossgarten in Schorndorf.
Die Polizei im Schlossgarten in Schorndorf. © Foto: dpa
Kristina Betz 21.07.2017
Fatale Fehlerkette: Nach den Übergriffen in Schorndorf kursierten viele Falschmeldungen und Missverständnise. Ein Fakten-Check der Ereignisse auf dem Stadtfest.

In Schorndorf herrschte tagelang Ausnahmezustand, sagt Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Dabei spricht er aber nicht von den Ereignissen beim Stadtfest „Schorndorfer Woche“ – sondern von der medialen Aufmerksamkeit, die jene nach sich zogen. Bis über die Bundesgrenzen hinaus berichteten Medien von der „Krawallnacht“. Die Nächte des Wochenendes sind nun, knapp eine Woche danach, weitestgehend aufgearbeitet.

Wie wurde eine Meldung zum Selbstläufer? Ursprung der medialen Welle war eine unglücklich formulierte Polizeimeldung – die prompt von der größten deutschen Nachrichtenagentur dpa falsch interpretiert wurde. Um 16.24 Uhr am Sonntag hatte die Polizei eine Mitteilung zu der Randale abgegeben. Darin findet sich die Formulierung, im Schlosspark hätten sich in der Nacht zum Sonntag ungefähr 1000 Jugendliche und junge Erwachsene versammelt. Etwa eine halbe Stunde später berichtete die dpa: „In der Nacht zum Sonntag versammelten sich laut Polizei bis zu 1000 junge Leute im Schlosspark und randalierten.“ Das hatte die Polizei so aber nie geschrieben – es wurde aber so verstanden.

Was geschah dann? Die Nachricht verselbständigte sich am Montagmorgen – vor allem in Internetmedien. Da dpa in der Regel als zuverlässige Quelle gilt, unterblieben  oft Nachfragen vor Ort. Rechtskonservative Online-Portale zogen vorschnell Vergleiche zur Silvesternacht in Köln und zu Ausschreitungen in Hamburg, von „Einwanderermob“ war teils die Rede. Medien in ganz Deutschland und im Ausland griffen die dpa-Meldung auf. Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Polizei fälschlicherweise berichtet hatte, es habe sich bei den 1000 Menschen im Park zum größten Teil um Menschen mit Migrationshintergrund gehandelt. Dies wurde später korrigiert.

Was war wirklich geschehen? Zum einen kam es im Schlosspark, unweit des Festgeländes, ab 22 Uhr zu Flaschenwürfen und Krawallen. Kurz nach 1 Uhr sollte dann ein 20 Jahre alter Deutscher nach einer Körperverletzung gegen einen Mit-Feiernden festgenommen werden. Eine größere Gruppe von 100 (nicht 1000) Personen, wie die Polizei mitteilt „überwiegend mit Migrationshintergrund“, solidarisierte sich mit dem 20-Jährigen und ging die Polizei an.  Die Beamten mussten sich zurückziehen und Verstärkung anfordern. Zum anderen kam es auf dem übrigen Festgelände, teilweise bereits am Freitag, zu mehreren Anzeigen wegen sexueller Belästigungen junger Frauen. In sechs Fällen wird ermittelt, in vier davon gegen Unbekannt. In zwei Fällen wurden Asylbewerber aus Schorndorf als Tatverdächtige ausgemacht. Insgesamt wurden 53 Straftaten während des viertägigen Festes zur Anzeige gebracht – doppelt so viele wie in den Vorjahren.

Wer sind die Opfer? Die von den sexuellen Übergriffen betroffenen Frauen waren eine 25-Jährige aus Ingolstadt sowie eine 17-jährige Österreicherin. Beide wurden laut Polizei am Gesäß begrapscht. Bei der Randale im Park hatte es keine verletzten Polizisten gegeben, so Polizeipräsident Roland Eisele.

Zogen randalierende Gruppen durch die Stadt? „Weiter zogen im Verlaufe der Nacht mehrere Gruppierungen mit circa 30 bis 50 Personen durch die Innenstadt“, hieß es in der ersten Mitteilung der Polizei. Nun korrigiert Eisele: Es habe zwar Zeugenaussagen gegeben, nach denen solche Gruppen mit Waffen und Schreckschusspistolen bewaffnet durch die Stadt gezogen seien. Bestätigt werden konnten die Hinweise aber nicht.

Wo wurden Fehler gemacht? Sowohl Polizei als auch die Stadt Schorndorf gestanden Fehler beim Umgang mit den Feiernden ein. Der Schlossplatz hätte wie in den Vorjahren früher geräumt werden müssen. Als man mit der Räumung des Platzes begann, seien die Jugendlichen deutlich alkoholisiert gewesen. „Stadt und Polizei hätten frühzeitiger und intensiver die Situation im Schlosspark beobachten und daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen müssen. Deeskalierend, aber klar“, resümiert Klopfer.

Was ist noch unklar? In allen angezeigten Fällen sexueller Belästigung wird noch ermittelt. Außerdem gibt es bislang keine konkreten Hinweise auf die randalierenden Täter im Schlosspark. Die Angriffe auf Mitfeiernde und auf Polizisten seien großteils aus der Anonymität der Gruppe heraus geschehen, so Eisele.

Eine Chronologie der Ereignisse lesen Sie hier...

Hitzige Debatte im Landtag

Parlament Auch der Landtag befasste sich gestern mit den Ereignissen. Die AfD hatte eine Debatte beantragt. Titel: „Schorndorfer Stadtfest: Die ,Kölner Silvesternacht‘ ist in der schwäbischen Provinz angekommen“. AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen machte Migranten und die Asylpolitik des Bundes für die Vorkommnisse verantwortlich. Die Redner der anderen Fraktionen sowie die Minister Thomas Strobl (CDU) und Manne Lucha (Grüne) kritisierten die AfD und forderten einen sachlichen Umgang. hab