Historie Explosives Neckartal: Pulverimperium in Rottweil

Rottweil / Kathrin Kammerer 05.09.2018
Rottweils umstrittenes Erbe: Wie ein mächtiger Fabrikant Monopolstellung erlangte und tonnenweise Pulver produzieren ließ.

Das Geschäft mit dem Pulver ist ein unmenschliches Geschäft: Die Frauen müssen in nassen Kleidern arbeiten, damit das Explosionsrisiko minimiert wird, vielen Männern hat die Salpeter­säure die Zähne weggefressen. Das Risiko ist hoch, dass ein Gebäude in die Luft fliegt und wieder ein paar Menschen sterben.

Im Rottweiler Spital werden die miesen Arbeitsbedingungen dokumentiert: Zwischen 1870 und 1890 gibt es jährlich sechs Tote in der Fabrik. Die meisten Arbeiter sind Tagelöhner oder arme Bauern aus den Nachbardörfern. Dort haben sie Pulverkreuze aufgestellt, an denen sie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit einen Stopp einlegen. Sie beten, dass sie wieder heil zurückkommen aus der Rottweiler Pulverfabrik.

Apothekersohn errichtet Imperium

Rund 140 Jahre später, auf ­Spurensuche im Gewerbepark Neckartal, zwei Kilometer von der schmucken, historischen Innenstadt entfernt: Unübersehbar ragen die Schlote eines alten Kraftwerks in den Himmel – sie erinnern an das umstrittene Erbe von Baden-Württembergs ältester Stadt. Abgeschieden, mitten im Neckartal, baute der Rottweiler Apothekersohn Max Duttenhofer von 1863 an mehrere kleine ­Pulvermühlen zu einer europaweit erfolgreichen Munitions­firma aus.

Das schmutzige Geschäft rentierte sich: Duttenhofers Firma erwirtschaftete 1890 mit 6000 Tonnen produziertem Pulver eine Bilanzsumme von 31 Millionen Mark. Mittlerweile zum einflussreichen Großindustriellen aufgestiegen, entwickelte Duttenhofer Ende des 19. Jahrhunderts ein „rauchloses chemisches Pulver“. Dieses hielt sich zwar nur kurz auf dem Markt – ein Vertrag mit dem Deutschen Kriegsministerium aber brachte der Rottweiler Fabrik enormen wirtschaftlichen Aufschwung.

Das frühere Kraftwerk wird heute für Veranstaltungen genutzt.
Das frühere Kraftwerk wird heute für Veranstaltungen genutzt. © Foto: Kraftwerk Rottweil

Besuch vom Kaiser

Duttenhofer selbst war mindestens genauso umstritten wie das Geschäft mit der Munition. Seine Pulverfabrik erwirtschaftete zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 40 Prozent des Rottweiler Industrieeinkommens: Seine Stimme war notwendig, um den Stadt-Haushalt zu verabschieden. Zudem saß er parallel in mehr als  20 Aufsichtsräten. Als Kaiser Wilhelm Rottweil mal einen Besuch abstattete, ging dieser zuerst zu Duttenhofer, dann erst ins Rathaus, erzählt der ehemalige Stadtarchivar Winfried Hecht.

Der steinreiche Pulverfabrikant starb 1903, danach löste sich die Verbindung der Familie zu Rottweil langsam auf. Nun waren Gesellschafter in Berlin die Herren über das Neckartal – sie kennt heute kaum ein Rottweiler. Später wurde die IG Farben Eigentürmer des Komplexes, ab 1963 der Rhodia-Konzern. Aber im Gedächtnis der Stadt blieb vor allem ein Name verankert: Max Duttenhofer.

Im Ersten Weltkrieg wurden in Rottweil bis zu 80 Prozent des deutschen Pulvers produziert, sagt Hecht. Der ländlich geprägte Raum um Rottweil herum brachte Duttenhofer viele billige Arbeitskräfte. Männer, die mit leichten Verletzungen vom Schlachtfeld zurückkamen, wurden zur Arbeit gleich wieder in die Fabrik geschickt.

12-Stunden-Schichten und Wohnungen auf dem Fabrikgelände

Um die Materialschlacht zu gewinnen, wurde in der Rottweiler Pulverfabrik immer mehr produziert. Die Arbeiter mussten 12-Stunden-Schichten stemmen, viele gingen unter der Woche gar nicht mehr heim in ihre Dörfer, man baute Wohnungen für sie direkt bei der Fabrik. Der Architekt des Stuttgarter Bahnhofs, Paul Bonatz, entwarf im Jahr 1915 ein riesengroßes Kraftwerk mit 90 Meter hohen Schornsteinen zur zentralen Energieproduktion. Zwischenzeitlich versorgte dieses Kraftwerk sogar die Stadt mit Energie, heute ist es ein viel genutzter Veranstaltungsort.

1917 erreichte die Zahl der Beschäftigten im Neckartal ihren Höchststand: Fast 3000 Menschen produzierten Pulver. Feindliche Bomber konnten keinen größeren Schaden an der Fabrik anrichten, denn sie lag gut versteckt im Tal.

Nach Kriegsende wurden die Rüstungsanlagen zunächst demontiert, als sich der Zweite Weltkrieg abzeichnete dann aber schnell wieder aufgebaut. Im hinteren Teil des Gewerbeparks zeugen wuchtige Betonbauten ohne Fenster von dieser zweiten Rüstungsphase. Sie unterscheiden sich deutlich von den älteren Bauten, die noch unter Duttenhofer selbst entstanden: „Als es in Russland knapp wurde, musste möglichst schnell möglichst viel Munition produziert werden“, sagt Hecht. „Da war die Architektur dann egal.“ Unter dem Nazi-Regime arbeiteten hunderte verschleppte Zwangsarbeiter in der Pulverfabrik. Neben Munition wurde auch Viskose produziert: ein wichtiger Baustoff für Fallschirme.

Löwe mit Schiffsgranate

1945 wurde die Rüstungsgüter-Produktion erneut eingestellt. Bis 1994 wurde im Neckartal dann Nylon gefertigt. Lange war unklar, was danach mit der 154 Hektar großen Industriebrache geschehen soll. Schließlich pachteten oder kauften Gastronomen, Unternehmer und Handwerker Stück für Stück kleine Grundstücke und siedelten sich im Tal an – der Gewerbepark Neckartal entstand.

Ein altes Lagergebäude wurde zu einem Sportzentrum, das ehemalige Badhaus der Arbeiter ist ein Restaurant, in die alten Werkstätten ist eine Schreinerei eingezogen und das Chemische Labor – über dessen Eingang noch immer ein Löwe mit einer Schiffsgranate spielt – ist nun Firmensitz einer Werbeagentur.

Stadt und Land näherten sich erst 2012 mit dem sechs Millionen Euro teuren Ausbau der Infrastruktur endgültig an das früher so verrufene Gelände an. Von ehemals mehr als 250 Gebäuden sind heute noch 120 erhalten. Rund 70 Betriebe haben sich mittlerweile im Gewerbepark angesiedelt. Der Nutzungsmix aus Kultur und Wohnen ist absolut gelungen, sagt Historiker Hecht. „Gelungen“ attestiert auch das Denkmalamt: Einige der Gebäude wurden mit dem Denkmalschutzpreis ausgezeichnet.

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Ein spannender Pfad als Ausflugsziel

Nach dem Rückzug der Rhodia aus dem Neckartal 1994 organisierte der damalige Werkleiter Arnd Zachrich die langsame Umstrukturierung des Gebietes. Stück für Stück siedelten sich Betriebe und Menschen dort an.

Acht Infoinseln mit 44 Infotafeln führen seit 2008 Besucher auf einem „Industriepfad“ durch 600 Jahre Pulvergeschichte im Neckartal. Wer einen Ausflug dorthin macht, der kann sich auch in einem der dortigen Gastronomiebetriebe erfrischen. kk

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