Die beiden Siemens-Generatoren summen ihr altes Lied. Seit 1928 wandeln sie im Kraftwerkshaus in Altenburg am Neckar mechanische Energie in Strom um. Einst hielt der Strom den Betrieb der Papierhülsen-Fabrik Emil Adolff am Laufen. Inzwischen speist die Anlage ihre Energie in das Netz der Stadtwerke Reutlingen ein. Sauberer Strom. Jedes Jahr um die fünf Millionen Kilowattstunden. Das reicht für 1250 Haushalte.

Elmar Reitter betreibt die Anlage. Nach dem Kauf des betagten Kraftwerk ließ er die beiden Francis-Turbinen überholen und die Generatoren neu wickeln. Auch ökologische Verbesserungen wurden vorgenommen. Am Wehr 800 Meter flussaufwärts installierte er eine Fischtreppe, die den Flossentieren mehr Lebensraum ermöglicht: Sie können eine größere Fluss-Strecke erwandern. Reitter hat etwas zusätzliches getan: Er baute am oberen Wehr noch ein kleines Kraftwerk. Es nutzt die Energie des Mindestwassers, das dem Neckar verbleibt. Auf die Idee zu dem Mindestwasser-Kraftwerk brachte ihn der Gewässerökologe des Regierungspräsidiums Tübingen.

Insgesamt hat Reitter, dessen Firma in Rechtenstein (Alb-Donau-Kreis) sitzt, gut sechs Millionen Euro in das Altenburger Wasserkraftwerk investiert. Das war möglich, weil der Betrieb auf lange Zeit gesichert ist. Das Landratsamt Reutlingen hat ihm das Wasserrecht auf 60 Jahre bewilligt.

So großzügig verhalten sich nicht alle Landratsämter im Land. "Viele Behörden bewilligen das Wasserrecht nur auf 30 Jahre. Oder sie erteilen nur eine Erlaubnis, bei der die Behörden, wenn sie vorzeitig widerrufen wird, keine Entschädigung zahlen müssen", beklagt der Diplomingenieur. Bei eingeschränkter Rechtssicherheit zögern die Banken bei der Vergabe von Krediten. Das kann dann dazu führen, dass der Neubau oder der Ausbau eines Wasserkraftwerks unterbleibt.

Unglücklich ist Reitter, der den 750 Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerk Baden-Württemberg e.V. (AWK) vorsteht, auch über die Genehmigungspraxis der Behörden. "Da gibt es viele, die sich restriktiv verhalten", pflichtet ihm Karl-Wilhelm Röhm bei, CDU-Landtagsabgeordneter und im Ehrenamt Präsident der AWK. Dem Klimaschutz sollte Priorität gegenüber dem Naturschutz eingeräumt werden, sagt Röhm.

Nach Verbandsangaben gibt es in Baden-Württemberg zwischen 8000 und 10 000 stillgelegte Querverbauungen an Flüssen. Allein für den Einzugsbereich des Neckars ermittelte das Umweltministerium 410 Querbauwerke mit bisher ungenutztem Wasserkraft-Potenzial. Aufstauungen, die zur Energieerzeugung genutzt werden könnten. Es liegen in Baden-Württemberg daher viele Wasserkraftpotenziale brach.

In den Genehmigungsverfahren verfügen die Behörden über einen Ermessensspielraum. Dabei wird der Eingriff in das Gewässer ökologisch bewertet. Doch dieser Ermessensspielraum, bedauert Reitter, wird unterschiedlich ausgelegt. Die einen Landratsämter verhalten sich durchaus wasserkraft-freundlich, andere messen Bedenken der Gewässerökologen und der Fischerei mehr Gewicht zu. "Wir hätten gern, dass das einheitlich verläuft", sagt Röhm.

Die Verbandsleute erwarten deshalb mehr Unterstützung durch das Umweltministerium für die Wasserkraft. Aus ihrer Sicht engagiert sich die neue Landesregierung aber stärker für die Windkraft. "Wir sehen im Bereich der Wasserkraft keine Bewegung", sagt Reitter. Das macht er auch an den Zielen der Landesregierung fest. Nach deren Vorgaben soll bis 2020 der Anteil der Wasserkraft an der gesamten Energieerzeugung im Land lediglich um 0,3 Prozentpunkte auf acht Prozent steigen. "Das ist zu wenig", sagt Reitter, "die Landesregierung könnte sich höhere Ziele stecken. "

Die moderaten Ausbauziele, so das Umweltministerium auf Anfrage, hätten nichts mit fehlendem Ehrgeiz oder Willen zu tun. Nicht jedes technische Potenzial sei unter den gegebenen ökologischen Rahmenbedingungen auch realisierbar. Den Vorwurf langer Verfahrensdauer weist das Ministerium zurück. Bei insgesamt 44 positiv abgeschlossenen Rechtsverfahren im Jahr 2011 habe es durchschnittlich sechs Monate gedauert. Unter Einbezug von Langzeitverfahren kommt das Ministerium auf neun Monate. Der Sprecher: "Beide Zahlen sprechen für eine durchaus zügige Abwicklung."