Früher war  doch nicht alles besser. Nicht einmal für die CDU.  Februar 1994, Erwin Teufel, damals seit drei Jahren  Ministerpräsident, ist Premierengast des „Forums im Stadthaus“ der Südwest Presse. Und was machte Teufel im nagelneuen Ulmer Stadthaus? Parteifreunde trösten, ihnen Mut machen. Im Land war  die  absolute Mehrheit der CDU futsch, im Bund schlechte Stimmung. Mit der SPD musste Teufel damals regieren, die rechtsradikalen „Republikaner“ saßen im Landtag.

Heute ist die CDU nur noch Juniorpartner der Grünen in Stuttgart. Erwin Teufel, kürzlich 79 geworden und seit 2005 nicht mehr aktiv in der Politik, muss wieder trösten: Ministerpräsident Winfried Kretschmann sei zwar die „denkbar beste Lösung, wenn schon Grüne in der Regierung sind“, aber „ich hoffe, dass die CDU in unserem Land auch wieder Ministerpräsidenten stellt!“ Trost gespendet, den CDU-Freunden Mut gemacht. Die 130 Zuhören danken mit großem Applaus.

Nachkarten will er nicht, auch nicht in die Tagespolitik eingreifen, sagt Teufel auf die Fragen von Chefredakteur Ulrich Becker und der langjährigen Landespolitik-Korrespondentin Bettina Wieselmann. Aber zu sagen hat der bodenständige Spaichinger, der so lange erfolgreich Politik gemacht hat, trotzdem viel.

Gerät mit den Vorfällen in Chemnitz und den Hassparolen gerade alles ins Rutschen?, fragt Becker.  Nein, meint Teufel, und verweist auf die „Republikaner“ in den 90ern. Der Bodensatz an Neonazis liege unter fünf Prozent, damals wie heute. Darüber kämen  Rechtsradikale nur mit den Proteststimmen Enttäuschter. Die machten auf Probleme aufmerksam, die die demokratischen Parteien lösen müssten.

Einen Fehler einzugestehen

In den 90ern flüchteten die Menschen vor den Balkankriegen. Heute flüchten sie aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Reagieren müsse nun die ganze Europäische Union, statt Durchwinken nach Deutschland müssten die Außengrenzen gesichert werden. „Wer verfolgt ist und in die Bundesrepublik kommt, hat Anspruch auf Asyl“, das müsse gelten. Aber auch: „Wir können nicht alle Armutsprobleme der Welt mit dem Asylrecht lösen.“ Und: „Wir müssen mehr tun zur Lösung dieser Armutsprobleme.“ Eine Dienstpflicht für jungen Leute könnte dabei helfen, wahlweise bei der Bundeswehr, im Zivildienst oder in der Entwicklungshilfe. „Wir schaffen das“, dieser Satz sei Bundeskanzlerin Angela Merkel rausgerutscht. Falsch sei gewesen, ihn so lange zu wiederholen, statt einen Fehler einzugestehen. „Faktisch hat sie ihn längst korrigiert“, sagt Teufel. „Angst vor Überfremdung“ sei da, sagt Teufel, das bemerke er selbst: Eine Urenkelin sei eingeschult worden mit vielen Kindern in der Klasse, die kein Deutsch können. Oder eine Enkelin, die als Lehrerin anfängt und sich in der Klasse um Kinder kümmern muss, die zuerst Deutsch lernen müssten. Das bewege, darauf müsse die Politik eingehen, sonst gehe Vertrauen verloren.

Video Erwin Teufel zu Gast beim Südwest Presse Forum

Nähe zu den Menschen und zu den Problemen der Menschen, das sei am wichtigsten für Politiker. Er habe auch noch als Ministerpräsident Sprechstunden im Wahlkreis angeboten, sagt Teufel.  Ebenfalls wichtig sei, für Überzeugungen einzustehen. Heute achteten viele „viel zu sehr darauf, was morgen in der Zeitung steht oder im Fernsehen kommt“. Der Mut, zu einer Entscheidung zu stehen, sei weniger geworden. Politiker, die überzeugt und begründet zu einer Entscheidung stünden, denen werde vertraut. Genauso gefragt seien die Bürgerinnen und Bürger, sagt Teufel mit Blick auf schlechte Wahlbeteiligungen. Zehn Minuten Zeit zur Stimmabgabe am Sonntag müssten schon drin sein. „Die Bürger verwehren sich jedes Recht zur Kritik, wenn sie nicht bereit sind, für bessere Verhältnisse zu sorgen.“

Teufel muss als Politiker vieles richtig gemacht haben. Er genießt bis heute Vertrauen. Auf der Fahrt nach Ulm hätten ihn sieben, acht Leute während einer Kaffeepause in Laichingen angesprochen. „Sie haben sich gefreut, ich habe mich gefreut“, erzählt Teufel. Und was höre er da lieber, „Herr Teufel“ oder „Herr Ministerpräsident“?, fragt Chefredakteur Becker. Da halte er es mit August Lämmle, antwortet Teufel: „Titel, Name, Geld, Befrackung sind zum Zwecke der Verpackung, Schale gilt nicht, sondern Perle, wichtig ist allein der Kerle.“ Vor 25 Jahre, und heute ebenfalls.

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Am längsten Regierungschef


14  Jahre, von 1991 bis 2005, ist  Erwin Teufel Regierungschef, er ist dienstältester Ministerpräsident Baden-Württembergs.

13 Jahre lang ist Teufel zuvor Chef der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag.

25 ist der Landwirtssohn aus Zimmern ob Rottweil erst, als er in Spaichingen zum Bürgermeister gewählt wird. Abgeordneter des Landtagswahlkreises Villingen und dann Villingen-Schwenningen ist er von 1972 bis 2006.

39,4

Prozent erreicht die CDU bei der von der Asyldebatte geprägten Landtagswahl 1992. Die CDU verliert die absolute Mehrheit, regiert mit der SPD.

41,3

Prozent und 44,8 Prozent holt die CDU mit Ministerpräsident Teufel dann bei den folgenden Landtagswahlen 1996 und 2001.

1994

präsentiert Teufel zusammen mit Bund, Bahn und der Stadt Stuttgart die Pläne für das Milliardenprojekt Stuttgart 21. 1995 die Fusion von
Badenwerk und EVS zur ENBW, 1997 die Fusion von SDR und SWF zum
Südwestrundfunk.

2004

kündigt Teufel seinen Rücktritt für April 2005 an. Günther Oettinger setzt sich gegen Annette Schavan als Nachfolger durch.