Keine schönen Bilder, die ein Schafshalter da nach der Nacht vom 6. auf 7. Oktober auf seiner Facebook-Seite zeigte: tote Schafe, der Bauch offen, das Gedärm daneben. „Experten gehen von einem/mehreren Hunden aus“, hatte der Nebenerwerbs-Schäfer unter das Bild geschrieben. Doch am Montag meldete das Umweltministerium: Es war ein Wolf, zweifelsfrei überführt per Gentest. Zwei Schafe hatte das Raubtier getötet, eines wurde notgeschlachtet. Drei weitere überlebten.

Der Fundort, eine Koppel beim Widderner Ortsteil Unterkessach (Landkreis Heilbronn), liegt rund zehn Kilometer entfernt von Neudenau, wo 1865 der letzte Wolf in Württemberg geschossen wurde. Nun, gut 150 Jahre später, ist der erste baden-württembergische Wolfsriss eines Nutztiers belegt. „Eigentlich war klar, dass das irgendwann passieren wird“, sagt Annette Wohlfahrt, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes – bei nun schon fünf Wölfen, die im Land seit Juni 2015 nachgewiesen wurden.

Den letzten hatte man am 3. September im Odenwald bei Wald-Michelbach (Hessen) nahe der baden-württembergischen Grenze abgelichtet. Ob es dieses Tier war, das im 50 Kilometer entfernten Widdern die Schafe gerissen hat, ist unklar. Der bisherige DNA-Nachweis hatte das Ziel gehabt, zwischen der Attacke durch einen Wolf und der eines streunenden Hundes zu unterscheiden. Eine bessere Genprobe könnte nun zeigen, um welches Tier es sich handelt.

 Der Schäfer konnte immerhin die verstörten Schafe, die überlebt haben, wieder in die größere Ursprungsherde integrieren. Er erhält eine Entschädigung. „Gott sei Dank gab es keine Folgeschäden“, sagt Wohlfahrt. Diese indirekten Folgen von Wolfsangriffen treiben die Schäfer um. Um die Tiere in Widdern etwa stand ein Elektrozaun, an eine Seite grenzte ein Bach, da brauchte es keine Absperrung. Bislang. Denn die bisherigen Begrenzungen halten weder Wölfe noch Herden in Panik zuverlässig auf.

Gerade der zweite Punkt kann gravierende Folgen haben. So war 2008 nahe Fulda ein ICE in eine Gruppe von Schafen gerast. Resultat: 21 Schwerverletzte und viele Leichtverletzte im Zug. Bislang, so Landesschaftzuchtverband, haftet bei einem solchen Horrorszenario der Tierhalter. Ob dessen Haftpflichtversicherung (sofern vorhanden) die Schäden trägt, ist unklar. Hier solle eine Versicherung des Landes Abhilfe schaffen.

Auch das Tierschutzgesetz müsse darauf abgestimmt werden, dass Herdenschutzhunde nachts die Schafe und Ziegen bewachen. Zudem solle die Förderung von Schutzmaßnahmen aus der De-minimis-Regelung genommen werden. Diese deckelt öffentliche Hilfen auf 15 000 Euro – ein Betrag, den mancher Schäfer allein durch Landschaftspflegemittel erreicht. Gefragt sei bei all dem: das Landwirtschaftsministerium.

„Ich habe die Forderungen vernommen“, sagt dessen Ressortchef Peter Hauk. Er könne die Punkte gut nachvollziehen – handeln müssten andere. Bei der De-minimis-Regelung sei die EU, beim Tierschutz der Bund zuständig – und in beiden Fällen gebe es Bewegung. Auch eine Hilfe des Landes bei Haftungsfragen sei wünschenswert. Aber da die Rückkehr des Wolf eine Sache des Natur- und Artenschutzes sei, sei da das Umweltministerium finanziell gefragt.

Hauk seinerseits fordert erneut die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht. Die weidmännische Erfahrung zeige, dass so bei auffälligen Einzeltieren und Problem-Rudeln effektiver reagiert werden könne. „Es wäre hilfreich, wenn man das Management auf breitere Füße stellt.“ Er sei ohnehin der Meinung, dass alle Wildtiere in einer Kulturlandschaft einer menschlichen Regulierung bedürfen. Das Umweltministerium winkt in dieser Hinsicht ab: „Das ist artenschutzrechtlich gar nicht möglich“, sagt Sprecher Frank Lorho.

Wer hat Recht? Wer will handeln? Wer muss? Am Donnerstag trifft man sich im Landtag. Das Thema: „Rückkehr des Wolfes nach Baden-Württemberg“. Der Vorfall in Widdern wird dabei sicher zur Sprache kommen.

Fonds ersetzt Riss-Schäden


Richtlinie Der Handlungsleitfaden Wolf des Landes, der mit den Betroffenen erarbeitet wurde, regelt Zuständigkeiten, Abläufe und Überwachung bei einzelnen Wölfen. Er schreibt einen Fonds fest, durch den Umwelt- und Tierhalter-Verbände pro Jahr bis zu 10.000 Euro Entschädigung für Risse bereitstellt. Derzeit arbeiten man an einem Folge-Leitfaden, der den Umgang mit festen Populationen regelt. zie