Ulm Erinnerung für den Alltag

Stolpersteine für Jonathan Stark (Bild links) und für die Familie Frenkel, an die der Künstler Gunter Demnig (Bild oben rechts) letzte Hand anlegt. Die Porträts zeigen von links nach rechts Anna Laura Geschmay Merovach, Enkelin der Hechts, Gunter Demnig und Alan Frankel, Enkel von Adolf Frenkel. Fotos: Lars Schwerdtfeger
Stolpersteine für Jonathan Stark (Bild links) und für die Familie Frenkel, an die der Künstler Gunter Demnig (Bild oben rechts) letzte Hand anlegt. Die Porträts zeigen von links nach rechts Anna Laura Geschmay Merovach, Enkelin der Hechts, Gunter Demnig und Alan Frankel, Enkel von Adolf Frenkel. Fotos: Lars Schwerdtfeger © Foto: KRAPP_T
Ulm / RUDI KÜBLER 27.05.2015
Der Auftakt ist gemacht: Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat am gestrigen Dienstag die ersten 14 Stolpersteine in Ulm verlegt - unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit. Die Stolpersteine erinnern an Opfer der Nazis.

Dass nichts, aber auch gar nichts vergessen ist, das machte am gestrigen Dienstag Anna Laura Geschmay Merovach unmissverständlich deutlich. Der Ort: Olgastraße Nummer 85 in der Ulmer Innenstadt. Dort wohnten ihre Großeltern Ludwig und Rosa Hecht, dort praktizierte ihr Großvater als angesehener praktischer Arzt und Geburtshelfer - bis zum Berufsverbot für den Juden im Jahr 1937 durch die braunen Horden.

1942 wurden die Großeltern nach Theresienstadt deportiert, wo beide - im Januar 1943 - nur wenige Tage nacheinander an Unterernährung starben. Sie denke immer "in Liebe" an ihre Großeltern, sagte die betagte Frau, Jahrgang 1931, "aber auch in Wut für das, was man mit euch gemacht hat. Man hat euch nicht nur das Leben verboten, sondern auch das Grab in der Erde. Was haben meine Großeltern Schlechtes getan?"

Bewegende, erschütternde Worte der Enkelin. Gleichzeitig aber bedankte sie sich für die Zeremonie an dem Ort, wo sie zeitweise ihre Kindheit bei den Großeltern verbracht hatte.

Die Zeremonie: Vor dem Ulmer Haus Olgastraße 85 sind gestern zwei Stolpersteine verlegt worden, einer für Ludwig, einer für Rosa Hecht. Zwei von 14 Stolpersteinen, die der Künstler Gunter Demnig in der Innenstadt gesetzt hat - im Alleingang. Mit dem Bohrhammer, der Motorflex und dem Meißel passte er die Betonquader mit einer Kantenlänge von jeweils zehn Zentimetern, die auf einer Messingplatte die Namen, Lebens- und Sterbedaten der Nazi-Opfer tragen, in die Bürgersteige ein.

Die Idee beschreibt Demnig mit den Worten: "Auf dem Stolperstein bekommt das Opfer seinen Namen wieder, jedes Opfer erhält einen eigenen Stein - seine Identität und sein Schicksal sind, soweit bekannt, ablesbar. Durch den Gedenkstein vor seinem Haus wird die Erinnerung an diesen Menschen in unseren Alltag geholt."

Die Vorarbeiten hatte die Ulmer Stolperstein-Initiative geleistet. Im Februar 2014 gegründet, schaffte es das bürgerschaftlich getragene Projekt mit Andrea Schiele, Martin König und Mark Tritsch an der Spitze sowie rund 30 aktiven Mitstreitern im Rücken, die ersten 14 Biografien zu erarbeiten und ins Internet zu stellen (www.stolpersteine-fuer-ulm.de). Diese Biografien sind, wenn man so will, die Bedingung für die Verlegung der Stolpersteine. "Wichtig ist, dass sich die Bürger mit den NS-Opfern beschäftigen, das Projekt also von unten getragen wird", sagte Martin König beim abschließenden Treffen im Ulmer Rathaus, nachdem die Steine verlegt waren.

Der Tag hatte früh begonnen - und zwar mit einem Kaddisch, dem traditionellen Totengebet, im jüdischen Teil des Ulmer Alten Friedhofs, der heute ein Park ist. Rabbiner Shneur Trebnik stimmte mit dem Gebet für alle Verstorbenen auf den Rundgang ein, der in der Olgastraße 114 begann, wo die Familie Frenkel ihr Tabakgeschäft hatte und wo fünf Stolpersteine verlegt wurden. Alan Frankel, Enkel des in Riga ermordeten Adolf Frenkel, bezeichnete die Verlegung der Steine als "Akt der Menschlichkeit".

Der Zug, der schnell auf 150 Teilnehmer anwuchs, führte über die Olgastraße 85 zur Friedrich-Ebert-Straße 114 vor dem Ulmer Hauptbahnhof - hier wurden drei Steine für die Familie Moos verlegt. Michael Moos, Freiburger Rechtsanwalt und entfernter Verwandter dieses Moos-Zweigs, erinnerte an den ehemaligen Ulmer Oberbürgermeister Theodor Pfizer und an dessen Forderung, "diese schwere Schuld nicht zu vergessen, so wenig wie die Not, die Tränen, das Blut der Opfer". Denn, so fügte Moos an: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

In der Herdbruckerstraße, nahe der Donau wurden das Ehepaar Levy, Lina Einstein und Jonathan Stark geehrt, der als Zeuge Jehovas seinen Glauben nicht verleugnen wollte und durch den Strang hingerichtet wurde.

Dass das Erlittene immer noch präsent ist und nicht dem Vergessen anheim fallen darf, zeigte ein Satz von Geschmay Merovach: "Die Wunde bleibt in mir."

Die Geschichte der Aktion

Der Künstler Die Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. 1993 entwarf der heute 67-Jährige zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus die ersten Stolpersteine, die erste Verlegung fand nicht genehmigt in Berlin-Kreuzberg statt, später wurde sie dann legalisiert.

Die Orte Seit dem Jahr 2000 hat er mit seinem Team mehr als 50.000 Stolpersteine verlegt - an 500 Orten in Deutschland und in vielen europäischen Ländern, darunter Belgien, Frankreich, Italien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ukraine und Ungarn.

 

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