Baden-Württemberg Erdbebenrisiko macht Hausbau im Südwesten teurer

Diese Gebiete werden künftig höher eingestuft.
Diese Gebiete werden künftig höher eingestuft. © Foto: SWP Grafik
Ulm. / Madeleine Wegner 30.07.2018
Im Land werden viele Gebiete als erdbebengefährdet eingestuft. Das trifft vor allem Häuslebauer, ihre Vorhaben werden teurer.

Dienstag, 26. Juni, 18.20 Uhr: Auf der Schwäbischen Alb um Trochtelfingen (Kreis Reutlingen) bebt die Erde mit einer  Magnitude von 0,6. Das Epizentrum des Bebens am Sonntag, 8. Juli, 4.38 Uhr mit einer Magnitude von 1,1 liegt in Albstadt (Zollernalbkreis). An fast jedem Tag verzeichnet der Landeserdbebendienst im Südwesten ein Beben, oft sogar mehrere. Die meisten Erschütterungen betreffen Regionen im Schwarzwald und Breisgau. Diese vielen leichten Beben sind freilich ungefährlich. Große Erdbeben jedoch, wie das 1978 in Albstadt, verursachen schwere Schäden.

Wie stark die verschiedenen Regionen Deutschlands gefährdet sind, haben nun Experten vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam neu berechnet. Damit sollen die deutschen Erdbeben-Karten auch an europäische Regelungen angeglichen werden. Im Vergleich zur aktuellen Erdbeben-Karte stufen die neuen Karten für Baden-Württemberg größere Gebiete als gefährdet ein.

Das wird teuer

„Die Neudefinition der Erdbeben-Gefährdung in Deutschland kostet Geld. Sie ist eine Preistreiberin fürs Wohnen“, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM). Der Fachverband, so Geschäftsführer Ronald Rast, fordere in erster Linie, dass solche neue Normen nicht ohne vorherige Folgekostenabschätzung verabschiedet werden. Bereits in Sachen Wärmeschutz habe es bislang sechs Verschärfungen gegeben, die die Baukosten um jeweils zwei bis acht Prozent erhöht hätten. „Das können sich nicht mehr viele Leute leisten“, sagt Rast.

Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) schließt sich der Kritik an. „In Tübingen haben wir mit den Verteuerungen, die aus einer Verschärfung der Erdbebennorm resultieren, bereits leidvolle Erfahrungen gesammelt. Seit dem Jahr 2005 ist Tübingen von der Gefahrenzone 2 in die höchste Stufe 3 der Gefahrenkarte aufgerückt“, schrieb er an Landesministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Die Folge dieser Verschärfung sei „ein dramatisch gestiegener Aufwand an Material und Kosten für die Gründung neuer Gebäude“, so Palmer weiter. „Wie bei anderen Schutzanliegen, sei es nun der Brandschutz, der Lärmschutz oder der Immissionsschutz, werden hier weit überzogene Forderungen mit völliger Inflexibilität kombiniert.“

Millionen an Mehrkosten

Die DGfM hat diverse Gutachten in Auftrag gegeben, unter anderem beim Pestel-Institut zur Folgekostenabschätzung. Demnach würde der Neubau eines kleinen Mehrfamilienhauses durch die beabsichtigte Neudefinition der regionalen Gefährdung durch Erdbeben  um über 30.000 Euro teurer. Das führe laut Rast zu Kostensteigerungen von mehreren Millionen Euro – allein für den Wohnungsneubau in den betroffenen Regionen.

Eine Kostensteigerung fürchtet auch die Hauptgeschäftsführerin des baden-württembergischen Städtetags,  Gudrun Heute-Bluhm (CDU) – zumal in Deutschland europäische Normen „besonders gut umgesetzt und überwacht“ würden. In Lörrach habe sie vor einigen Jahren selbst miterlebt, wie in der Folge der Norm-Verschärfung eine Schule schließen musste. Doch der Vergleich mit Brandschutzvorsc hriften, wie ihn etwa Palmer zieht, gehe nicht auf, da die Anforderungen zum Bebenschutz diffuser seien. „Wir sind ja keine Fachleute“, sagt Heute-Bluhm. Daher heiße es, „zunächst einmal abwarten, was kommt“.

Der Norm-Ausschuss hatte Anfang Juni für den Entwurf gestimmt. Nun soll er ins Beteiligungsverfahren gehen. Danach entscheidet die Bauministerkonferenz über die Aufnahme der neuen Regelung in eine Verwaltungsvorschrift, die wiederum als Grundlage für die Verwaltungsvorschriften der Länder dient.

Hochkomplexe Wissenschaft

Ob in hundert Jahren oder schon morgen: Wann das nächste Beben kommt, ist kaum abzuschätzen. „Es ist eine hochkomplexe wissenschaftliche Aufgabe, solche Karten zur Erdbebengefährdung auszuarbeiten“, sagt Dr. Klaus Wittemann, zweiter Vorsitzender des Verbands der Prüfingenieure für Bautechnik (Vpi) in Baden-Württemberg und Mitglied im Norm-Ausschuss. Die Erdbebengefährdung sei schwerer zu ermitteln als etwa Gefahren durch Wind, Regen oder Schnee, die deutlich häufiger zu beobachten sind. Bislang habe man eine Karte aus den 1980ern benutzt, die noch aus dem ersten Bemessungsverfahren stammte – damals eine Konsequenz aus dem großen Beben in Albstadt. Der Stand ist damit längst veraltet. Seither gebe es neue wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa zum Untergrund-Verhalten.

Wirtschaftliche Konsequenzen wird die neue Norm haben, darin scheinen sich alle einig. „Tatsache ist, dass es ausgedehntere Gebiete gibt, wo man mit Mauer­werk allein nicht zurechtkommen wird“, sagt auch Wittemann. Der Statiker gibt allerdings auch zu bedenken: „Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hatten wir bisher keine besonders strengen Normen.“

Die Mehrheit ist gegen Schäden versichert

94 Prozent aller Einwohner sind in Baden-Württemberg gegen Erdbeben versichert. Diese Zahl liegt weit über dem bundesweiten Durchschnitt von 41 Prozent. Das liegt vor allem in der historischen Entwicklung der Versicherungen begründet. Erdgefahren, zu denen allerdings auch Rutsche und Senkungen gehören, verursachten im Jahr 2015 laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft Schäden in Höhe von 4,3 Millionen Euro. Unter den Elementarschäden, so ein Verbandssprecher, machen die Erdgefahren einen geringen Anteil aus.

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