Festnahme Mutmaßlicher Würth-Entführer gefasst

Fulda/Offenbach / dpa 14.03.2018
Knapp drei Jahre nach der Entführung eines Milliardärssohn in Osthessen könnte der mutmaßliche Kidnapper gefasst sein. Die Polizei nimmt einen Tatverdächtigen fest. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.

Alle Hinweise waren im Sand verlaufen, die ­Hinweise nach zwei ZDF-Sendungen „Aktenzeichen XY“ hatte keinen greifbaren Erfolg gebracht, die Polizei im hessischen Fulda hatte die Soko „Hof“  im September 2015 aufgelöst. Umso überraschender die Nachricht am Mittwochnachmittag: Spezialeinheiten hatten am Morgen in Offenbach bei Frankfurt einen 48-Jährigen serbisch-montenegrinischer Staatsangehörigkeit gefasst.

Nach Ansicht der Kripo soll er für die Entführung von Markus Würth 2015 verantwortlich sein. Der Fall hatte bundesweit Wellen geschlagen. Der damals 50-jährige Sohn des „Schrauben-Königs“ Reinhold Würth aus Künzelsau (Hohenlohekreis) war in Schlitz im hessischen Vogelsbergkreis gekidnappt worden. Dort lebte er in einer integrativen Wohngemeinschaft. Einen Tag später gab der Entführer den Ort in einem Waldstück bekannt, wo er Markus Würth an einen  Baum gekettet hatte – ohne dass es zu einer Lösegeld-Übergabe gekommen war.

Über die Hintergründe der Festnahme hüllen sich die Staatsanwaltschaft Gießen und das Polizeipräsidium Osthessen noch in Schweigen. Die Wohnung des Tatverdächtigen in einem Hochhaus sei durchsucht worden, der Mann wurde auf dem Polizeipräsidium Osthessen in Fulda vernommen.

Die Staatsanwaltschaft beantragte am Gießener Amtsgericht Untersuchungshaft wegen „dringenden Tatverdachts des erpresserischen Menschenraubes und Fluchtgefahr“. Das Gericht teilte diese Auffassung, der 48-Jährige sitzt nun in hinter Gittern.

Mehr Details wollen die Ermittler erst heute auf einer Pressekonferenz präsentieren. Polizei-Pressesprecher Christian Stahl sprach von einer „positiven Stimmung“ in seinem Haus. „Wir haben den Fall nie zu den Akten gelegt“, erklärte er. Obgleich die Soko „Hof“ aufgelöst worden war, hätten stets Ermittler weiter am Fall gearbeitet.

Laut „Bild“-Zeitung soll die Stimme des Kidnappers auf die Spur des Täters geführt haben. Die Polizei hatte die Aufnahme des Erpresser-Anrufs veröffentlicht, in der Hoffnung auf Hinweise aus der Bevölkerung. Zu hören ist eine gehetzt klingende Stimme mit starkem Akzent, die mit viel Wiederholen und Verbessern Details einer Geldübergabe schildert. Experten hatten schon damals einen Täter aus dem ehemaligen Jugoslawien identifiziert, der  im Rhein-Main-Gebiet Deutsch gelernt haben soll.

Die Stimmanalyse ließe weitere Rückschlüsse zu: Der Täter könnte zwischen 40 und 52 Jahren alt sein und wohl aus dem Grenzgebiet zwischen Serbien und Montenegro stammen. Beruflich sei der Mann wahrscheinlich im Umgang mit Menschen geübt. Jobs als Fahrdienstleister für Personen oder als Bote seien ebenso denkbar wie eine Beschäftigung im sozial-karitativen Bereich oder in der Gastronomie. Seine Höflichkeit und die wiederholte Verwendung des Wortes „bitte“ führte die Ermittler auf diese Fährte.

Staatsanwalt Thomas Hauburger wollte auf Nachfrage nicht bestätigen, ob die Stimmanalyse tatsächlich zum Täter geführt hat. Auch er verwies auf die Pressekonferenz. Ebenfalls keine Stellungnahme gab es am gestrigen Mittwoch von der Firma Würth und der Unternehmer-Familie. „Das sind laufende Ermittlungen, wir können uns dazu nicht äußern“, erklärte eine Sprecherin.

Trauma für die Familie

Die Familie war in der Öffentlichkeit stets zurückhaltend. Für die Eltern, das Unternehmerpaar Reinhold und Carmen Würth,  war die Entführung „die schlimmste Nacht unseres Lebens“ gewesen, hatten sie in einer Zeitungsanzeige erklärt, in der sie für die Anteilnahme und die Polizeiarbeit dankten. „Nichts tun und nur warten auf den nächsten Anruf des Entführers, nicht wissend, ob unser Sohn noch lebt, war grausam“, sagte Reinhold Würth (80) in einem Interview. Umso glücklicher seien sie gewesen, „als Markus am nächsten Tag wieder unversehrt aufgetaucht ist“. Der Sohn soll inzwischen an einem anderen, geheim gehaltenen Ort leben.

Chronologie des Entführungsfalles

17. Juni 2015 Markus Würth wird aus einer Wohngemeinschaft im osthessischen Schlitz entführt. Eine Übergabe des Lösegeldes in Höhe von drei Millionen Euro scheitert in der Nacht.

18. Juni 2015 Der Entführte wird in einem Wald an einen Baum gekettet, aber unversehrt gefunden. Zuvor hat der Entführer die Geodaten preisgegeben.

13. Juli 2015 Ermittler schalten eine Hotline frei, unter der ein Mitschnitt eines Erpresser-Anrufs zu hören ist.

15. Juli 2015 Die Fahnder erhalten nach der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ neue Hinweise.

September 2015 Die Polizei löst die Soko „Hof“ auf, arbeitet aber weiter an dem Fall.

13. November 2016 Reinhold Würth äußert sich erstmals öffentlich zu dem Fall.

4. Mai 2017 Nach einer weiteren Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ gehen viele Hinweise bei der Polizei ein.

14. März 2018 Eine Spezialeinheit der Polizei nimmt in Offenbach einen 48-jährigen Tatverdächtigen fest. dpa

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel