Anschlag Empörung über Angriff auf Unterkunft in Villingen - Hintergrund unklar

Villingen-Schwenningen / PETRA WALHEIM 29.01.2016
Der Angriff mit einer Handgranate auf eine Flüchtlingsunterkunft in Villingen sorgt für Entsetzen. Bislang ist unklar, wer den Sprengkörper in der Nacht zum Freitag auf das Gelände geworfen hat. Mit einem Kommentar von Thomas Block: Der neue deutsche Terror, einer interaktiven Karte zu Gewalt gegen Flüchtlinge in Deutschland und einem Zeitstrahl zu Anschlägen auf Asylunterkünfte im Südwesten.

Yasmin Ates überlegt ernsthaft, ob sie ihr Haus verkaufen soll. Es steht in Villingen direkt neben den Blocks, in denen seit dem vergangenen Sommer Flüchtlinge untergebracht werden. Seitdem hat sie kein gutes Gefühl mehr, wenn sie ihre Kinder auf die Straße lässt. „Wir fühlen uns nicht mehr sicher“, sagt sie. „Ich bin froh, dass ich die zwei Hunde habe.“ Der Anschlag mit einer Handgranate auf die Flüchtlingsunterkunft verstärkt ihre diffuse Angst, macht sie konkret. Trotzdem verurteilt sie den Angriff auf die bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle (Bea). „Das ist furchtbar. Das macht man nicht, egal woher die Menschen kommen.“

In der Nacht zum Freitag gegen 1.15 Uhr hat ein Unbekannter im Stadtbezirk Villingen der Doppelstadt Villingen-Schwenningen von der Straße aus eine Handgranate auf das Gelände der Flüchtlingsunterkunft geworfen. Der Sprengkörper sei am Sicherheitszaun abgeprallt und – ohne zu explodieren – neben einem Container der Security liegen geblieben, sagte am Freitag Rolf Straub. Er leitet die für diesen Fall gebildete Soko „Container“. Sie ist mit 75 Beamten ausgestattet. Die drei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, die zu der Zeit in dem Container waren, hätten Geräusche gehört, seien nach draußen gegangen, hätten die Handgranate liegen sehen und die Polizei informiert, sagte Straub. Sofort habe eine „umfangreiche überörtliche Fahndung“ begonnen. Ohne Erfolg. Ob der Anschlag einen fremdenfeindlichen Hintergrund hat, ist nach Auskunft der Polizei unklar. Klar ist aber, dass der Anschlag in Villingen bundesweit der erste Angriff auf ein Flüchtlingsheim mit Sprengstoff war.

Wäre die Handgranate explodiert, hätte es Tote geben können. Ob der Container der Durchschlagskraft der Granatensplitter standgehalten hätte, ist nicht sicher. „Die Wirkung der Splitter ist im Umkreis von zehn bis 20 Meter absolut verheerend“, sagte am Freitag Andreas Stenger, Leiter des Kriminaltechnischen Instituts in Stuttgart. „Entschärfer“ des Landeskriminalamtes brachten die Handgranate kontrolliert zur Explosion. Dabei stellte sich heraus, dass sie mit Sprengstoff gefüllt – und die Sicherung entfernt war. In dem Heim leben nach Auskunft von Klemens Ficht vom Regierungspräsidium Freiburg aktuell 104 Flüchtlinge, die Mehrzahl aus Syrien. Die Asylbewerber, die in dem Gebäude wohnen, an dem die Handgranate gefunden wurde, wurden in der Nacht in Sicherheit gebracht.

„Die Flüchtlinge sind sehr ruhig und gefasst“, sagte am Freitag Lars Frauenheim. Er betreut als Sozialpädagoge der Arbeiterwohlfahrt die Asylbewerber. Sie hätten keine erkennbaren Reaktionen gezeigt, „weil sie das kennen“. Vor solchen Anschlägen seien sie ja schließlich geflohen. Er ist entsetzt und wütend über den Angriff. Die Menschen würden unter Lebensgefahr flüchten, um in Deutschland sicher und in Frieden leben zu können. Diese Hoffnungen würden durch so einen Anschlag zerstört. Doch er lässt sich nicht beirren. „Wir machen weiter, unabhängig davon, was passiert. Wir machen keinen Rückzieher wegen solcher Idioten.“

So sieht das auch Bettina Janietz. Sie ist Lehrerin und gibt in der Bea Deutschunterricht. Einmal pro Woche reist sie aus Basel an, um die Flüchtlinge ehrenamtlich zu unterrichten. „Deutschunterricht ist der erste Schritt zur Integration“, sagt sie und hat die Erfahrung gemacht, dass die Flüchtlinge Deutsch lernen und integriert werden wollen.

Spekulationen über die Hintergründe gibt es viele. Lars Frauenheim kann sich durchaus vorstellen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Verhaftung des Rechtsextremisten Ralph Thomas K. im Villinger Nachbarort St. Georgen. Der 27-Jährige ist am Mittwoch bei einer bundesweiten Razzia festgenommen worden. Er soll zusammen mit anderen Beschuldigten an der „Bildung einer rechtsextremistischen Vereinigung“ beteiligt gewesen sein und die rechtsextreme Internetplattform „Altermedia“ gestaltet und betrieben haben. „Der zeitliche und räumliche Zusammenhang ist vorhanden.“

Angriffe gegen Flüchtlinge im Jahr 2015 
  

Tödlich im Umkreis von 10 bis 20 Meter

Sprengsatz Bei der jugoslawischen Handgranate vom Typ M52 handelt es sich nach Angaben von Experten des Landeskriminalamtes um ein absolut tödliches Geschoss. Sie präsentierten in Villingen-Schwenningen ein Modell des grünen Sprengsatzes. Die Waffen werden normalerweise in Kriegen eingesetzt. Die tödliche Wirkung erstrecke sich auf ein Umfeld zwischen 10 und 20 Metern. Nicht nur die erzeugte Druckwelle gilt als verheerend, sondern auch die Splitter. Durch die Druckwelle können auch Fenster bersten. Als scharf gelten Granaten nur, wenn sie neben dem Sprengsatz auch einen Zünder haben.dpa

Ein Kommentar von Thomas Block: Der neue deutsche Terror

Jetzt greifen sie sogar zu Kriegsgeräten. In der Nacht zum Freitag, als die meisten der 104 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen schliefen, haben unbekannte Täter mit dem Wurf einer Handgranate die Eskalation der Gewalt in Deutschland auf eine neue Ebene gehoben.

Dabei hing die Latte bereits ziemlich hoch, hat es doch im vergangenen Jahr 126 Brandanschläge auf Asylbewerberheime in Deutschland gegeben. In Weissach im Tal. In Wertheim. In Remchingen. Doch Villingen-Schwenningen ist anders. Wer Handgranaten wirft, will kein Gebäude niederbrennen. Wer Handgranaten wirft, will töten.

Mit den berechtigten Sorgen der Menschen hat das nichts mehr zu tun. Besorgte Bürger werfen keine Handgranaten. Der Anschlag in Villingen-Schwenningen zeigt vielmehr, dass wir es mit einer neuen, perfiden Form des Terrors zu tun haben, der sich gegen die Schwächsten der Schwachen und ihre Helfer richtet und vor nichts zurückschreckt.

Es versteht sich von selbst, dass gegen diese Täter konsequent vorgegangen werden muss. Was wir aber außerdem benötigen, ist ein Diskurs, der auch nach Köln und auch in Zeiten des Wahlkampfes wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt. Denn die aufgeheizte, von Gerüchten befeuerte Debatte der vergangenen Wochen bereitet Terroristen den so nahrhaften Boden, den sie für ihre sinnlosen Gewalttaten brauchen.