Kirchheim/Teck Empörung nach Übergriffe in Kirchheimer Schwimmbad

Das Kirchheimer Freibad war am Mittwochnachmittag proppenvoll – dieses Foto entstand etwa eine Stunde vor den Übergriffen.
Das Kirchheimer Freibad war am Mittwochnachmittag proppenvoll – dieses Foto entstand etwa eine Stunde vor den Übergriffen. © Foto: Jean-Luc Jacques
IRENE STRIFLER ALEXANDER KERN 23.07.2016
Nach sexuellen Belästigungen in einem Kirchheimer Bad wird nun ein Sicherheitsdienst engagiert. Viele Eltern sind verunsichert.

Es war ein spezieller Nachmittag am Mittwoch im Kirchheimer Freibad – und in der Stadt im Landkreis Esslingen gibt es seither nur ein Thema. Mütter haben Sorge, ihre Töchter allein ins Freibad zu lassen, und auch Betriebsleiter Alfred Krause und seinem Team stecken die Vorgänge noch in den Knochen. Bei rund 4000 Besuchern haben die Bademeister ohnehin alle Hände voll zu tun, damit alles im Rahmen bleibt. Vom heutigen Samstag an sollen ihnen dabei zwei Mitarbeiter  eines Sicherheitsdienstes helfen, wie Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker (SPD) ankündigte. Sie hofft, dass sich damit das Sicherheitsgefühl für die Badegäste erhöhe. „Wenn Kinder begrapscht werden, hört es auf.“

Auch Innenminister Thomas Strobl (CDU) schaltete sich gestern ein. Jeder einzelne sexuelle Übergriff sei einer zu viel, ob im Freibad oder woanders, ob von einem Flüchtling oder jemand anderem, sagte Strobl. „Und klar ist: Wer hier Schutz sucht und bleiben möchte, muss sich anständig benehmen und sich an unsere Regeln und Gesetze halten.“

Was war passiert? Alles begann damit, dass der Kirchheimer Betriebsleiter einen dunkelhäutigen Badegast, der durch wagemutige Sprünge ins Wasser andere gefährdete, des Bades verweisen wollte. Als dieser nicht gehen wollte, rief Krause die Polizei. Den Beamten zeigte sich der Mann erst einsichtig. Dann aber weigerte er sich, seine Personalien anzugeben. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen 17-jährigen Asylbewerber aus einem französischsprachigen Gebiet. Als ihn die Polizisten aufs Revier mitnehmen wollten, schmiss er seine Tasche weg und ging mit geballten Fäusten auf die Polizisten los. Die überwältigten ihn, wobei ein 25 und ein 44 Jahre alter Beamter leicht verletzt wurden.

Nach dieser Szene schaukelte es sich erst richtig hoch: Etwa 30 Badegäste beschimpften die Polizisten, sprachen von „Rassismus“, der Mann wurde angestachelt, sich zu wehren. Der Unmut richtete sich auch gegen einen Bademeister. Als er die aufgebrachte Menge beschwichtigen wollte, wurde er am Hals gepackt und umgestoßen. Ermittlungen wegen Körperverletzung laufen. Nachdem weitere Streifenwagen eingetroffen waren, löste sich der Pulk auf. Die Szene beruhigte sich jedoch nicht. Sven Heinz vom Polizeipräsidium Reutlingen teilt mit: Je mehr Polizisten vor Ort waren, desto mehr Kinder, vor allem Mädchen, aber auch deren Mütter, begannen zu erzählen, dass die Kinder zuvor begrabscht worden waren. Mehrere Anzeigen wurden erstattet. Unter anderem soll laut Polizei ein 21 Jahre alter Flüchtling einer Zehnjährigen das Bikinioberteil heruntergezogen und einer Elfjährigen an den Po gefasst haben. Im Nichtschwimmerbereich fasste ein Mann zwei 14 Jahre alten Mädchen unsittlich an die Brüste und in den Schritt. Zeitweise rieb er sein erregtes Glied an den Mädchen. Laut Polizeisprecher Heinz wurden alle mutmaßlichen Täter als arabischstämmig bezeichnet.  Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker zeigte sich geschockt: „Seit geraumer Zeit setze ich mich für eine Stimmung des friedvollen Miteinanders in Kirchheim ein – und jetzt das!“ Laut Krause hatte es in der Vergangenheit höchstens vereinzelt Probleme gegeben – Szenen wie am Mittwoch aber noch nie.

Von einem generellen Problem mit Flüchtlingen in Schwimmbädern spricht kein Experte. „Da gibt es keine Auffälligkeiten bei bestimmten Herkunftskreisen“, sagte ein Sprecher der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, die sich intensiv mit der Thematik befasst und viele Handreichungen für Bäderbetreiber herausgibt (siehe Infokasten).  Nach Angaben des Innenministeriums gab es im Jahr 2015 genau 30 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (2011: 32) in Freibädern und 59 in Hallenbädern (2011: 68). Darunter fallen beispielsweise Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch oder auch exhibitionistische Handlungen. Erste Tendenzen für das laufende Jahr ließen bei den sexuellen Übergriffen erkennen, dass die Zahlen möglicherweise steigen, teilte ein Sprecher von Strobl weiter mit.

Einzelfälle gibt es aber durchaus.  „Eine Erklärung dafür ist vielleicht der kulturelle Unterschied“, sagt Angelika von Loeper. Sie ist Vorsitzende des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg. Die gesellschaftliche Freizügigkeit in Deutschland sei für viele Migranten ein Kulturschock. „So kann es vorkommen, dass sie die knappe Bekleidung der Frauen im Schwimmbad als sexuelles Angebot ansehen.“ Ein anderer Grund können von Loeper zu Folge auch die traumatischen Erlebnisse sein, die Flüchtlinge hinter sich haben. „Sie haben oftmals eine Odyssee durchstehen müssen. Manche haben daher Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu kontrollieren.“

 Umso wichtiger sei es, die Integrationsarbeit zu fördern. „Schutzsuchende sollen von Beginn an unsere gesellschaftlichen Regeln verinnerlichen.“ Elementar sei in diesem Zusammenhang die Arbeit von Pädagogen und Ehrenamtlichen. Sie sollen von Mensch zu Mensch zeigen, wie das gesellschaftliche Leben in Deutschland aussieht. Hilfreich sei außerdem, die Migranten zu verteilen und nicht in großen Flüchtlingsunterkünften zu beherbergen. „Eine Ghettoisierung muss unbedingt vermieden werden. Flüchtlinge lernen unter  Deutschen am besten Sprache und Umgangsregeln kennen.“

Comics und Regelblätter

Verbote Zur Verständigung zwischen Flüchtlingen und Einheimischen in Bädern hat die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen ein spezielles Konzept entwickelt, um die Schwimmbadregeln zu erklären. Gepflogenheiten und Verbote in den Bädern sind auf anschaulichen Comics dargestellt. Erklärungen dazu sind in neun Sprachen übersetzt, darunter Urdu, Paschtu oder Farsi. ak

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