Stuttgart Eltern: Gezerre um Geld für Eingliedern behinderter Schüler beenden

Gemeinsamer Unterricht in einer fünften Klasse der Waldschule in Mannheim. Eltern fordern von Land und Kommunen eine rasche Klärung der Kostenaufteilung für die Eingliederung behinderter Schüler an allgemeinen Schulen. Foto: dpa
Gemeinsamer Unterricht in einer fünften Klasse der Waldschule in Mannheim. Eltern fordern von Land und Kommunen eine rasche Klärung der Kostenaufteilung für die Eingliederung behinderter Schüler an allgemeinen Schulen. Foto: dpa
Stuttgart / JULIA GIERTZ, DPA 09.09.2013
Die Auswertung eines Schulversuchs zur Eingliederung behinderter Kinder an allgemeinen Schulen geht dem Ende entgegen. Doch eine Kernfrage bereitet noch Kopfzerbrechen: Wo soll das Geld herkommen?

Eltern fordern von Land und Kommunen, die Aufteilung der Kosten für das Eingliedern behinderter Schüler an allgemeinen Schulen rasch zu klären. "Bislang läuft die Inklusion in vielen Fällen noch auf dem Rücken der Eltern, die sich die nötige Unterstützung erstreiten müssen", sagt die Sprecherin der Elterninitiative "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen", Kirsten Ehrhardt. Der Weg für die Familien sei auch in den fünf Modellregionen des 2010/11 begonnen Schulversuchs noch immer steinig und mit viel bürokratischem Aufwand verbunden.

"Inklusion ist derzeit noch etwas sehr Exklusives, das sich nur sehr wehrhafte und gut informierte Eltern leisten können", unterstrich die Mutter eines Sohnes mit Down Syndrom, der in der Modellregion des Schulamtes Mannheim eine nahe allgemeine Grundschule besucht. Es gebe mehrere Klagen gegen Kommunen, in denen Mütter und Väter die nötige Assistenz oder mehr sonderpädagogische Betreuung in der Regelschule für ihren Nachwuchs juristisch durchsetzen müssten.

Das Kultusministerium hat einen vorläufigen Bericht zu dem Schulversuch in den Regionen Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, Konstanz und Biberach verfasst, dessen Ergebnisse in die Eckpunkte zur Inklusion einfließen. "Zum Knackpunkt Kostenverteilung ist da nichts zu lesen", bemängelt Ehrhardt.

Auf Einladung des Stabstellen-Leiters für Inklusion im Kultusministerium, Norbert Zeller, treffen sich heute Landesvertreter und Kommunen zu Gesprächen über die Finanzierung der Inklusion. Ehrhardt mahnt: "Wer es bezahlt, ist uns Eltern egal, Hauptsache, es gibt eine verlässliche Regelung." Die Inklusion von potenziell 50 000 Schülern mit Behinderung in Baden-Württemberg zieht etwa durch Umbauten an Schulgebäuden, durch zusätzliche Kräfte für den Tandem-Unterricht von Sonderpädagogen und allgemeinen Lehrern oder durch den Einsatz von Assistenten enorme Kosten nach sich. Etwa ein Viertel der Eltern von bisherigen Sonderschülern hatte sich zuletzt in den Modellregionen für die Inklusion ihrer Kinder entschieden.

Im Schuljahr 2010/11 waren 128 Schüler auf die Regelschulen gewechselt, 2011/12 waren es 381. Im vergangenen Schuljahr kamen außerdem noch 123 Schüler mit Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot an den Gemeinschaftsschulen dazu. "Das ist angesichts der Schwierigkeiten ein überraschend hoher Anteil", meinte Ehrhardt.

Der Ruf von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) nach Bundesmitteln für diese "gesamtgesellschaftliche Aufgaben" wird nach Ehrhardts Prognose nicht den "großen Geldsack" in den Südwesten bringen. Denn 15 andere Bundesländer hätten ähnliche Forderungen. "Das Thema muss im Land gelöst werden." Abhängig von der Einigung mit den Kommunen will Stoch den Entwurf eines Gesetzes in den Landtag einbringen, mit dem die Sonderschulpflicht für behinderte Kinder aufgehoben wird.

In den Modellregionen ist sie faktisch schon abgeschafft und Eltern haben einen Anspruch auf allgemeine Beschulung ihrer behinderten Kinder - es sei denn, dem stehen "zwingende Gründe" entgegen.

Fehlende Mittel dürften aber keine "zwingenden Gründe" sein, betonte Ehrhardt. "Inklusion ist nicht kostenneutral zu haben." Deshalb müsse sich das Land zum Abbau der Sonderschulen bekennen und damit Ressourcen für die inklusive Beschulung an allgemeinen Schulen freisetzen. Die "mächtige Sonderschullobby" verhindere jedoch, dass das Land an dem System mit neun verschiedenen Sonderschularten festhalte. "Die Sonderschulpädagogen wollen nicht von der Förderung ihrer Sorgenkinder in geschütztem Rahmen in den rauen Schulalltag wechseln." Es helfe behinderten Kindern aber nicht, wenn sie immer mit der "Defizitbrille" angeschaut würden.

Förderung im gemeinsamen Unterricht