Die Fähigkeiten zum Lesen und Schreiben gehen bei Grundschülern immer weiter auseinander. „Wir haben heute in Klasse 1 Kinder sitzen, die können schon lesen - und in der gleichen Klasse sitzen Kinder, die können noch nicht mal einen Stift halten“, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Montag in Stuttgart. Fast jeder fünfte Viertklässler im Südwesten erreiche nicht den bundesweiten Mindeststandard in der Rechtschreibung. Dies sei besorgniserregend.

Baden-Württemberg will mit einer Fortbildungsinitiative erreichen, dass Grundschullehrer den Kindern die Rechtschreibung besser vermitteln. Eisenmann stellte die Initiative am Montag vor. Lehrer erhalten dabei etwa in Online-Vorlesungen Gelegenheit, ihr Fachwissen aufzufrischen und zu vertiefen. Das Land arbeitet dabei mit Schleswig-Holstein und Hamburg zusammen. Die Ministerin sieht darin ein gutes Beispiel, dass die länderübergreifende Zusammenarbeit im Kultusbereich funktioniert.

Wer nicht richtig schreiben kann, habe es in der Gesellschaft schwerer, sagte Eisenmann. Auch die Digitalisierung werde an der Bedeutung von Kernkompetenzen wie Lesen und Schreiben nichts ändern. Was Schulanfänger heute mitbringen, habe sich grundlegend verändert. Es sei schwierig bis unmöglich, daraus einen gemeinsamen Lernerfolg zu entwickeln. Die Verschiedenheit sei nicht allein mit dem Migrationshintergrund vieler Schüler zu erklären.

Der Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Michael Becker-Mrotzek, bezeichnete sprachliche Bildung als Aufgabe des gesamten Kollegiums, nicht nur eines Einzellehrers.

Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisierte die Initiative als „Alibi-Veranstaltung der Kultusministerin“: Die Grundschullehrer hätten es satt, „dass die Kultusministerin schwächere Rechtschreibleistungen mit der Kompetenz der Lehrkräfte in Verbindung bringt und sie gleichzeitig keine Förderstunden und die Ausstattung bekommen, in denen sie Rechtschreibung voranbringen und sinnvolle Sprachförderung anbieten können.“ Echte Unterstützung der überlasteten Grundschullehrer müsse anders aussehen, sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz. Sprachförderung an Grundschulen falle vielfach aus. Profis für Deutsch als Fremdsprache seien zudem nur befristet beschäftigt und würden in den Sommerferien auf die Straße gesetzt.

Für die Einbeziehung von behinderten Kindern in den regulären Schulunterricht gibt es nach Ansicht vieler Lehrer im Südwesten zu wenig Personal. Das geht aus einer am Montag in Stuttgart vorgestellten Umfrage hervor, die das Forsa-Institut für den Verband Bildung und Erziehung (VBE) durchführte. Darin bewerteten 61 Prozent der Befragten die personelle Ausstattung mit mangelhaft oder noch schlechter. Seit dem Sommer 2015 können Eltern wählen, ob ihr Kind in einen inklusiven Unterricht an einer allgemeinen Schule oder in ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ - frühere Sonderschulen) gehen soll.