Archäologie Einmalig in Europa

Anhand geomagnetischer Untersuchungen haben Forscher am Heidengraben neue potenzielle Fundstellen ermittelt.
Anhand geomagnetischer Untersuchungen haben Forscher am Heidengraben neue potenzielle Fundstellen ermittelt. © Foto: Gerd Stegmaier
Grabenstetten / Madeleine Wegner 02.08.2018

Der Heidengraben ist die größte bekannte befestigte Siedlungsanlage aus keltischer Zeit auf dem europäischen Kontinent. Das Oppidum  Heidengraben erstreckt sich auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb bei Grabenstetten, Hülben  (beide Kreis Reutlingen) und Erkenbrechtsweiler (Kreis Esslingen) auf einem rund 17 Quadratkilometer großen Gebiet. Hier lebten um 100 vor Christus, also in spätkeltischer Zeit, rund 10 000 Menschen.  „Eine wirklich gewaltige Anlage“, sagte der Archäologe Gerd Stegmaier, der zugleich wissenschaftlicher Referent der Region am Heidengraben für die Gemeinde Hülben ist. Die Besiedlung in dieser Region reicht jedoch bis in die Bronzezeit zurück.

Nur etwa einen Kilometer nordöstlich von Grabenstetten haben Forscher die bisher älteste bekannte Siedlung aus dem Bereich Heidengraben entdeckt. Diese Fundstelle ist zwar schon seit den 1990er-Jahren bekannt, aber bisher war keine großflächige Grabung  möglich. Studierende der Universität Tübingen hatten dazu fünf Abschnitte untersucht. Im fünften Areal gab es laut Stegmaier eine „unglaublich große Dichte“ an Funden. In dem sechs mal acht Meter großen ­Untersuchungsabschnitt waren etwa Vorrats- oder Abfallgruben zu erkennen. Die ältesten Funde dieser Grabung und damit des Gebiets überhaupt stammen aus der Zeit um 1300 vor Christus. Da auf dem Feld derzeit Mais angebaut wird, könne das Areal aber nicht näher erforscht werden. Das soll im kommenden Jahr nachgeholt werden.

Auf einer frisch gepflügten Ackerfläche hatte Achim Lehmkuhl, ehrenamtlicher Mitarbeiter der archäologischen Denkmalpflege, 2017 Scherben gefunden. Bei der anschließenden Notbergung fanden die Tübinger Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege eine Urne. Sie gehört vermutlich zu einem bisher unbekannten Gräberfeld der späten Bronzezeit. Diesen Friedhof aus der sogenannten Urnenfelderkultur wird ein internationales Team mit Beteiligung der Universität Tübingen ab kommender Woche im Rahmen einer Lehrgrabung näher untersuchen.

Das Gräberfeld ist wesentlich älter als der Heidengraben: Die Nekropole stammt aus der späten  Bronze- bis frühen Eisenzeit (also zirka 1000 bis 400 vor Christus). Neue geomagnetische Messungen und archäologische Untersuchen zeigen jedoch, dass das Gräberfeld mit rund 40 frühkeltischen Grabhügeln eine wichtige Rolle für die Entstehung des spätkeltischen Heidengrabens spielte. Hier zeigt sich immer deutlicher ein speziell ausgebautes Wegenetz. „Das sind absolut einmalige Strukturen“,  sagt Stegmaier. Gräben, beziehungsweise ausgebaute Hohlwege scheinen zu drei Hügeln zu führen, zwischen denen es eine Sichtverbindung gibt. Mit dem Wissen um einen ausgeprägten Ahnen- und Totenkult der Kelten vermuten die Archäologen, dass die Gräben als Prozessionswege genutzt worden sein könnten.

Diese Graben- und Ritualstrukturen sind im gesamten keltischen Kulturraum einmalig und erstrecken sich nach bisherigen Erkenntnissen über eine Fläche von mehr als 700 000 Quadratmetern. Der Platz beim Burrenhof wurde über Jahrhunderte von den Menschen für Versammlungen und Rituale genutzt.

Die nun anstehende sechswöchige Kampagne eines internationalen Grabungsteams ist die umfangreichste archäologische Untersuchung im Bereich Heidengraben seit mehr als 20 Jahren.

Ausflug in die Frühgeschichte

Die Heidengraben-Gemeinden Erkenbrechtsweiler, Hülben und Grabenstetten wollen mit einem Besucherzentrum mehr Touristen anlocken. Die Umsetzung könnte aber an der Finanzierung scheitern. Gesichert ist die Finanzierung des geplanten Kelten-Erlebnis-Pfades. Ein kleines Keltenmuseum betreibt bereits der „Förderverein Heidengraben“ in Grabenstetten: www.kelten-heidengraben.de.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel