Experimente  Mehr Transparenz bei Tierversuchen

Professor Markus Rodehutscord im Versuchstierstall der Uni Hohenheim  neben einer so genannten fistulierten Kuh. Über eine Öffnung an der Seite des Tieres können Wissenschaftler Proben aus dem Pansen der Kuh entnehmen. 
Professor Markus Rodehutscord im Versuchstierstall der Uni Hohenheim  neben einer so genannten fistulierten Kuh. Über eine Öffnung an der Seite des Tieres können Wissenschaftler Proben aus dem Pansen der Kuh entnehmen.  © Foto: dpa
STUTTGART / Jens Schmitz 03.07.2017

Kuh Cosima zuckt nicht einen Moment, als Professor Markus Rodehutscord am Schraubverschluss in ihrer Flanke zu drehen beginnt. Der Deckel der so genannten Pansenfistel wird entfernt, und während eine Mitarbeiterin aus dem Loch darunter strohigen Magenbrei fischt, schnobert das zehnjährige Jersey-Rind seelenruhig durch die Inhalte in seinem Trog. „Man merkt‘s der Kuh nicht an“, sagt Rodehutscord, dessen Forschung dazu beitragen soll, den Methanausstoß von Rindern und die Abhängigkeit von ausländischen Futterimporten zu verringern. Journalisten in Schutzkleidung schreiben eifrig mit; im Rest des Stalls wird „Kuhkomfort“ optimiert: Gummistallböden und Selbstbedienbürsten für Milchvieh haben von hier aus ihren Siegeszug um die Welt angetreten.

Nicht überall geht es so idyllisch zu, daraus macht die Uni kein Hehl: Zur Forschung an Zecken oder Fuchsbandwürmern werden Wirtstiere mit Parasiten infiziert; der Zugang zu kranken Nagern bleibt den Reportern aus Hygienegründen versperrt.

Info Der Grad, in dem sie Informationen erhalten, ist aber neu: Auf einem eigenen Portal stellt die Universität seit vergangener Woche Forschungsprojekte vor, erläutert rechtliche Vorgaben und nennt nach Art und Belastungsgrad aufgeschlüsselte Zahlen. Es gibt Informationen zu Alternativen, die solche Experimente ersetzen, und zu dem Umfang, in dem Tierversuche in der Lehre vorkommen. Ein virtueller Rundgang vermittelt eine Ahnung von jenen Arealen, die Besuchern versperrt bleiben. Obendrein spiegelt das Portal die Meinungsvielfalt, die es auch innerhalb der Universität zu dem Thema gibt.

„Neben den gesetzlich vorgeschriebenen Informationen an Behörden veröffentlichen wir Statistiken und informieren über Tierhaltung und Forschung“, heißt es dazu in Leitlinien, die der Senat im Februar verabschiedet hat. „Anfragen beantworten wir auch dann, wenn wir nicht explizit dazu verpflichtet sind.“

Pflicht „Wir verwenden Tiere in Forschung und Lehre nur dann, wenn es unerlässlich ist“, erklärt das Papier, das Respekt einfordert und Misshandlung mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen bedroht. „Vieles steht auch in den Gesetzen“, räumt Rektor Stephan Dabbert ein. Die Hochschule habe sich aber in verständlicher Sprache auch selbst verpflichten wollen.

Anderswo gibt es ähnliche Ansätze: Die Eberhard Karls Universität Tübingen hat entsprechende Grundsätze schon 2015 beschlossen und veröffentlicht auf ihrer Homepage ebenfalls Zahlen. Bis zu den Hohenheimer Aktivitäten stand sie damit im Südwesten aber ziemlich allein – anderen Einrichtungen melden ihre Projekte zwar an die zuständigen Behörden, doch für Nicht-Fachleute ist es nicht unbedingt einfach, diese Wege nachzuverfolgen.

Tübingen Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen etwa verweist darauf, dass Bürger die Informationen beim Bundesinstitut für Risikobewertung erhalten können. Auf der Homepage des Instituts gibt es aber Informationen über die chirurgischen Verfahren und die Haltungsbedingungen.

Ulm Das Tierschutzzentrum der Universität Ulm strebe einen transparenten Umgang mit Tier­experimenten an, erklärte eine Sprecherin dort. Eine entsprechende Strategie soll aber erst umgesetzt werden, wenn die derzeit vakante Chefposition wieder besetzt ist.

Anderswo ist weniger Elan spürbar: Die Freiburger Albert-Ludwigs-Universität verweist auf eine Webseite der Medizinischen Fakultät mit allgemeinen Informationen und zwei Fremdlinks. „Zahlen haben wir bisher nie bekanntgegeben“, teilte ein Sprecher mit. Die Universität Heidelberg meldet Anzahl und Verwendung der verwendeten Tiere auch nur an die Behörden.

Kritiker monieren, dass die gesetzliche Zählung von Tierversuchen einen Großteil der Tiere nicht erfasst: Genmanipulierte Exemplare etwa, die nicht die gewünschten Eigenschaften haben, werden oft als Ausschuss entsorgt. Da an ihnen kein Versuch vorgenommen wurde, tauchen sie in Statistiken meist nicht auf. In Hohenheim bemühe man sich, solche Tiere etwa zur Sektion in der Lehre zu verwenden, sagt die dortige Tierschutzbeauftragte Ramona Böhm. In solchen Fällen würden sie dann auch gezählt.

755.000 Todesfälle

Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wurden in Deutschland 2.799.961 Tiere 2015 zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet, davon fanden 754.997 den Tod. Die Organisation Ärzte gegen Tierversuche hat aus nur teilweise öffentlichen Quellen errechnet, dass Baden-Württemberg dabei mit 461.538 verwendeten Tieren den nationalen Spitzenplatz belegte.  jsz

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