Gericht Prozess im Missbrauchsfall Staufen: Ein letzter Funke Anstand?

Der Bundeswehr-Soldat Knut S. soll einen neunjährigen Jungen zwei Mal sexuell missbraucht und vergewaltigt haben.
Der Bundeswehr-Soldat Knut S. soll einen neunjährigen Jungen zwei Mal sexuell missbraucht und vergewaltigt haben. © Foto: Patrick Seeger/dpa
Freiburg / Petra Walheim 15.05.2018
Warum sagt der Hauptangeklagte im Missbrauchsfall Staufen gegen die anderen Beteiligten aus? Ein Erklärungsversuch.

Es ist ungewöhnlich. Das sagt auch ein Gerichtsgutachter, der schon mit etlichen pädophilen Angeklagten gearbeitet hat. Es ist ungewöhnlich, dass der Mann, der den neunjährigen Sohn  seiner Lebensgefährtin im Internet für Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch angeboten hat, gegen die aussagt, die das Angebot angenommen haben. Es ist ungewöhnlich, aber es kommt vor. So in den  aktuell vor dem Landgericht Freiburg laufenden Verfahren, in denen der mehrfache sexuelle Missbrauch und die Vergewaltigungen des Neunjährigen aufgearbeitet und die Angeklagten zur Rechenschaft gezogen werden.

Am Montag stand erneut ein 50-jähriger Stabsfeldwebel der deutsch-französischen Brigade in Illkirch-Graffenstaden bei Straßburg vor Gericht.  Sein Prozess hatte am 7. Mai begonnen. Als Zeuge wurde der Hauptangeklagte Christian L. gehört, der Mann, der den heute neunjährigen Sohn seiner Partnerin im Internet für Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch angeboten hatte.

Der 39-Jährige hatte schon im ersten Prozess des umfangreichen Missbrauchsfalls von Staufen gegen den Angeklagten Markus K. ausgesagt, und er wird voraussichtlich auch bei den anderen Angeklagten als Zeuge auftreten. War er es doch, der die Treffen mit dem Jungen und den pädophilen Männern arrangiert hatte, und er  hat zugegeben, den Jungen auch selbst mehrfach missbraucht zu haben. Mit Billigung der Mutter.

Sein eigener Prozess beginnt am 11. Juni. Mit ihm wird die Mutter (48) des Jungen am Anklagetisch sitzen. Es ist davon auszugehen, dass auch Christian L. verurteilt wird. Die Staatsanwaltschaft Freiburg geht im Übrigen davon aus, „dass die Voraussetzungen zur Anordnung der Sicherungsverwahrung vorliegen“.

Warum also sagt der Mann gegen andere Angeklagte aus? Nach Auskunft der Sprecherin der Staatsanwaltschaft Freiburg, Martina Wilke, hat sich Christian L. nach seiner Festnahme „selbst direkt um Kooperation mit den Ermittlungsbehörden bemüht“. Ob sich das bei der Strafzumessung günstig für ihn auswirkt, ist nach Auskunft der Sprecherin noch zu prüfen. Dass Christian L. durch die Zusammenarbeit mit den Behörden die mögliche Sicherungsverwahrung erspart bleibt, hält sie für ausgeschlossen.

Es werde ihm vermutlich gar nicht um eine leichtere Strafe gehen, sagt Gerichtsgutachter Dr. Peter Winckler aus Tübingen. Er ist seit mehr als 20 Jahren als Gerichtspsychiater tätig, hat auch im Freiburger Prozess um den Mord an einer Joggerin aus Endingen ein psychiatrisches Gutachten zum Angeklagten erstellt. Auch zu pädophilen Angeklagten erarbeitet er immer wieder Gutachten. „Häufig werden die Taten abgestritten oder bagatellisiert, es wird gelogen oder einfach geschwiegen.“ Dass ein Angeklagter als Zeuge gegen andere Angeklagten aussagt, ist auch für ihn ungewöhnlich.

Aus seiner Sicht ist Christian L. an dem Punkt angekommen, an dem er nichts mehr zu verlieren hat, weil sein Leben nach dem Aufdecken der Missbrauchsfälle in Trümmern liegt. Sein Motiv, gegen die Angeklagten auszusagen, könne aus dem Wunsch resultieren, sich den letzten Rest an Selbstachtung zu bewahren, sagt Winckler. „Vielleicht ist da ein letzter Funke Anstand in ihm.“

Möglich sei, dass ihm klar geworden ist, was für entsetzliche Dinge er dem Jungen angetan hat, und er deshalb meint, es dem Jungen und der Gesellschaft schuldig zu sein, reinen Tisch zu machen und zur Aufklärung beizutragen. „Er könnte auch einfach schweigen“, sagt Winckler. Das sei der einfache und bequeme Weg. Die Faktenlage sei so eindeutig, dass Christian L. mit einer Verurteilung rechnen müsse. Da könne er genauso gut keine Angaben machen. „Aber den Weg geht er nicht.“

Stattdessen beschuldigt er sich als Zeuge selbst. In der Ver­handlung am Montag gegen den 50-jährigen Bundeswehr-Soldaten Knut  S. gab er zu, das Kind aus sexuellen und finanziellen Gründen den Männern überlassen zu haben. Für die Vergewaltigungen habe er Geld kassiert. Die Mutter sei ihm „hörig“ gewesen, so habe er ungehindert handeln können.  Wann ein Urteil gefällt wird, steht noch nicht fest.

Prozess

8 Tatverdächtige aus dem In- und Ausland gibt es laut Landeskriminalamt Baden-Württemberg in dem Fall. Mehrere von ihnen sind wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft. dpa