Mit einem Mal ist die Bürgergesellschaft ganz nah und lässt Winfried Kretschman so schnell nicht los. Donnerstagabend, Stadthalle Weinheim. Der grüne Regierungschef hat zum Empfang geladen. Auf den Tischen stehen weiße Rosen und auf der Bühne der Ministerpräsident. Die "Politik des Gehörtwerdens", sagt er, sei "die große Lehre aus dem Konflikt um Stuttgart 21. Ich spüre überall, dass wir daran gemessen werden, ob wir das auch einhalten."

Der Moderator bittet die 600 Besucher, nicht zu sehr ins Detail zu gehen, nicht jede Verkehrsmaßnahme abzufragen. Ein Mann stellt sich als Sprecher der "Bürgerinitiative Landstraße 536" vor. Er will wissen, wann es Geld für den Ausbau gibt. Ein Herr sagt, er sei "der Pendent der Petition 5455", es geht wieder um eine Straße. Da stehen sie sich nun gegenüber, die große Überschrift Bürgergesellschaft und die vielen Erwartungen, die sich darunter subsummieren.

Kretschmann kennt die Fälle bereits. Am Nachmittag hat ihn Schönaus Bürgermeister Marcus Zeidler unmissverständlich auf die L 536 angesprochen, auf deren Ausbau man seit 35 Jahren warte: "Uns ist egal, wer regiert. Hauptsache, es wird gebaut!" Die L 536 sei ja planfestgestellt, antwortet Kretschmann nun dem Sprecher der Bürgerinitiative. "Es fehlt nur das Geld. Das habe ich nicht." Für die Straßenbauprojekte im Land verspricht er eine "Prioritätenliste" - "das ist sachlich vernünftig". Politisch aber, bekennt er, sei es "unklug: Fünf werden sich freuen und 45 nicht und die machen mir dann Stress." Aber man könne nicht einfach hingehen und sagen, wo die meisten Demonstranten sind, werde gebaut. "Wir brauchen nachvollziehbare Kriterien." Schon kommt die nächste Frage. "Das ist schon hardcore, der arme Ministerpräsident", flüstert eine regionale CDU-Größe dem Nebenmann ins Ohr.

Kretschmann stellt sich den Bürgern, auch wenns kritisch wird, ehrlich und unverstellt. Das ist die Botschaft des Abends, und es ist auch das tragende Element seiner nun einjährigen Amtszeit. Die zur Schau gestellte Bürgernähe hat ihm rasch zum Image des Landesvaters verholfen. Sie hat die Grünen sogar die inhaltliche Niederlage beim Volksentscheid über Stuttgart 21 einigermaßen unbeschadet überstehen lassen. Kretschmann ist der Star dieser Regierung, der auch ihre Schattenseiten überstrahlt und vergessen lässt, dass Grün-Rot mehr Projekte der schwarz-gelben Vorgänger fortführt als verändert.

Als der 63-Jährige in Weinstadt von der Bühne tritt, drängeln sich die Besucher um ihn. Eineinhalb Stunden steht er in der Menschentraube, hört sich Lob und Kritik an, gibt Autogramme und Antworten. Da ist einer sichtbar nah bei den Menschen.

"Der macht sich kaputt", sorgt sich ein Parteifreund angesichts des kräftezehrenden, zeitraubenden Bads in der Menge. "Aber da gibt es kein Entrinnen. Du kannst nicht die Bürgergesellschaft proklamieren und es dann nicht leben."

Zwei Tage später steht Nils Schmid beim Landesparteitag der Jusos in Heidenheim auf der Bühne. Der rote Vize-Ministerpräsident und "Superminister" für Finanzen und Wirtschaft hält so etwas wie eine Grundsatzrede, es geht um das große Ganze, seine Politik und die Strategie dahinter. Schmid sagt, so schön der Regierungswechsel gewesen sei, so wenig dürften die Genossen vergessen, warum sie davor so lange in der Opposition festgesteckt seien: Lange habe die CDU den Irrglauben gespeist, dass die SPD nichts von Wirtschaft verstehe, nicht mit Geld umgehen könne. Das sei zwar schon immer Unsinn gewesen. Der Wechsel biete nun aber die "große Chance, diese dummen Vorurteile ein für allemal zu widerlegen" - wie mit den ausgeglichenen Etats für 2011 und 2012. Solide Finanzen seien kein Selbstzweck, referiert der 38-Jährige, sondern die Grundlage erfolgreicher Wirtschafts- und Sozialpolitik. Weil der Zusammenhang komplex klingt, versucht ihn Schmid mit dem Bild eines Kuchens schmackhaft zu machen: Sozialdemokratische Wirtschaftspolitik helfe, dass der Kuchen möglichst groß werde und die SPD-Sozialpolitik sorge dafür, dass "auch alle ein ordentliches Stück abbekommen". Solide Finanzpolitik aber sei die Basis dafür, "dass wir auch morgen noch die Zutaten haben, um überhaupt einen Kuchen backen zu können".

Es ist eine kämpferische Rede, die Zuhörer applaudieren lautstark. Dann dürfen sie selbst ans Mikrofon. "Wir brauchen mehr Gemeinschaftsschulen, mehr G-9-Züge und mehr Schulsozialarbeiter", sagt die erste Delegierte. Der nächste Jungsozialist fordert, bei der Kleinkindbetreuung müsse "mehr" kommen. Schmid, Jeans, weißes Hemd, Sakko, darf noch mal auf die Bühne. "Bei den Jusos", sagt er, "ist es wie auch sonst immer: Am meisten Applaus kriegt man, wenn man mehr fordert, mehr Geld, mehr Stellen." Er ruft den Parteinachwuchs auf, die Erfolge der SPD in der Regierung zu sehen und sie auch "nach draußen" zu tragen.

Schmid will mit guten Finanz- und Wirtschaftsdaten und Gesetzesinitiativen für Arbeitnehmer punkten. 2013 wird er ziemlich viel Schulden machen. Aber 2011 und 2012 hat er darauf verzichtet, zudem brummt die Wirtschaft, und eben hat er ein Tariftreuegesetz präsentiert, das die Gewerkschaften in höchsten Tönen loben. Es ist so gesehen keine schlechte Zwischenbilanz, auch wenn sie durch den missglückten Kampf für die Schlecker-Beschäftigten und die Facebook-Affäre seines geschassten Wirtschafts-Amtschefs getrübt wird.

Andererseits muss er das Geld zusammenhalten, das auch seine Parteifreunde lieber ausgeben wollen. Das ist das eine Dilemma der SPD. Das andere ist der Umstand, dass sie bei der Wahl vor einem Jahr hinter den Grünen gelandet ist. Der Unterschied beträgt nur einen Prozentpunkt, einen Sitz im Parlament. Aber die Wirkung ist um ein Vielfaches stärker. In der Landespolitik absorbiert der Regierungschef den Großteil der Aufmerksamkeit, noch dazu, wenn es der erste grüne der Republik ist. Schmid mahnt daher zur Geduld. Bilanz, sagt er, werde erst 2016 gezogen. Er ist 38, er kann warten.

Vor einem Jahr war die Frage, ob Kretschmann und Schmid und ihre grün-rote Regierung den Streit über Stuttgart 21 überstehen. Nun lautet sie, ob sie die Wünsche der Bürger und ihrer Parteigänger einerseits und die Erfordernisse der Schuldenbremse andererseits vereinen können - ob der Kuchen für diese Koalition ausreicht.