Burladingen Ein Grab als Ort der Erinnerung

Bestürzung und Befremden über Abwesenheit der Stadtverwaltung: Feierstunde vor dem Grab der Sinti-Familie Reinhardt in Burladingen. Foto: Klaus Franke
Bestürzung und Befremden über Abwesenheit der Stadtverwaltung: Feierstunde vor dem Grab der Sinti-Familie Reinhardt in Burladingen. Foto: Klaus Franke
Burladingen / RAIMUND WEIBLE 18.10.2012
In Burladingen ist gestern in einer Feier das Grab der Sinti-Familie Reinhardt, die dem Holocaust zum Opfer gefallen war, unter Denkmalschutz gestellt worden. Rathausvertreter ließen sich dabei nicht blicken.

Josef Reinhardt war einer der vielen Sinti und Roma, die Opfer medizinischer Experimente von NS-Ärzten wurden. Die Mediziner infizierten den Mann aus Burladingen (heute Zollernalbkreis) 1944 im Nebenlager Kochem des Konzentrationslagers Natzweiler (Elsaß) mit Fleckfieber und setzten den Häftling Gasversuchen aus. Dort starb er am 31. August 1944 31-jährig unter Qualen. Seine Hinterbliebenen erhielten die Urne mit der Asche des Toten und bestatteten sie in ihrem Familiengrab auf dem Stadtfriedhof von Burladingen.

Dieses Grab sollte wegen des Ablaufs der Ruhezeit des zuletzt verstorbenen Familienmitglieds abgeräumt werden. Bereits vor drei Jahren hatte die Stadtverwaltung das Grab einer Sinti-Frau aufgehoben. Sie hatte die Lagerhaft in Auschwitz überlebt, jedoch ihr Kind verloren.

Im aktuellen Fall Reinhardt leitete die Stadtverwaltung ein Zwangsverfahren ein, gegen das sich die Hinterbliebenen vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen zur Wehr setzten. Erst als der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma das baden-württembergische Staatsministerium einschaltete, wurde die Räumung abgewendet.

Das Regierungspräsidium Tübingen stellte das Grab unter Denkmalschutz. Gestern segnete der katholische Pfarrer Konrad Bueb die Grabstätte im Beisein des Zentralratsvorsitzenden Romani Rose und der Tübinger Regierungsvizepräsidentin Grit Puchan. An der Feier nahm kein Vertreter der Kommune teil, was Befremden auslöste. Die Großnichte Josef Reinhardts, Maria Winter-Jordan, zeigte sich bestürzt. "Unfassbar" sei das, sagte sie. Von Bürgermeister Harry Ebert war keine Stellungnahme zu erhalten.

Der Zentralrat setzt sich seit langem dafür ein, dass die Gräber der NS-verfolgten Sinti und Roma auf Dauer erhalten werden. Diese Grabstätten seien für die Familien, aber auch für das Gedenken an die Opfer des Holocausts, für die es keine Grabstätten gibt, von großer Bedeutung. Die baden-württembergische Regierung unterstützt dieses Anliegen. Zusammen mit drei anderen Bundesländern hat das Land vergangenen Donnerstag im Bundesrat einen Entschließungsantrag eingebracht, um eine bundesweite Regelung für den dauerhaften Erhalt der Gräber von Opfern nationalsozialistischer Verfolgung zu erreichen. Der Antrag wurde im Bundesrat einstimmig angenommen.

Am 24. Oktober wird in Berlin das Denkmal enthüllt, das an die Sinti und Roma erinnert, die Opfer des Holocausts geworden sind. 500 000 Sinti und Roma wurden aus rassenideologischen Gründen ermordet. Rose wertet das Denkmal auch als Signal an die Diplomaten von Ländern, in denen diese Volksgruppe wieder verfolgt werde.

An das Grab der Reinhardts an der südwestlichen Ecke des Burladinger Friedhofs wurde eine Tafel angebracht, welche das Schicksal der Familie beschreibt. Rose zufolge soll das Grab in Burladingen kein Anklageort, sondern ein Gedenkort sein. "Ich bin sicher", sagte er, "dass die Burladinger Bürger dieses Grab annehmen."

Das Grab erinnert auch an Reinhardts Frau Elise und seine beiden Kinder, die in Auschwitz ermordet worden sind. Die Familie war im März 1943 in Burladingen verhaftet und nach Auschwitz deportiert worden. Für Frau und Kinder gibt es keine Begräbnisstätte. Grit Puchan sagte, die Gedenkstätte sei nicht nur für die Familie wichtig, sondern auch im öffentlichen Interesse.

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