In der Langen Straße spitzte sich die Lage am Nachmittag des 18. Juni 1849 zu. Berittenes Militär hielt im Stutt­garter Hospitalviertel den Zug von Männern in Frack und Zylinder auf. Das waren die ver­bliebenen Mitglieder der Frank­furter Na­tionalversammlung, der ersten gesamtdeutschen Volksvertretung, die, als ihnen in Frankfurt auf preußischen Druck die Ausweisung drohte, in der württembergischen Hauptstadt Zuflucht gefunden hatten.

Seit dem 6. Juni tagte die Na­tionalversammlung in Stuttgart. Doch von den ursprünglich 400 bis 450 Abgeordneten hatten sich nur 117 an dem Umzug ins württembergische Königreich beteiligt. Die einen wollten nicht mehr aus politischen Gründen, die anderen durften nicht mehr. Später wurde für den kläglichen Rest der Versammlung der Begriff „Rumpfparlament“ geprägt, und der hat sich bis heute gehalten.

In Stuttgart ist vieles im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs untergegangen. Das Neue und das Alte Schloss wurden wieder aufgebaut, ebenso die Stiftskirche.  Von den Hauptschau­plätzen des Rumpfparlaments aber ist nichts übrig geblieben. Lediglich in der Straße, in dem das Militär die Räte gestoppt haben, erinnert eine Stele an den Vorfall.

Tapfere Leute waren es, die da nach Stuttgart gekommen waren. Sie wollten das Werk der Deutschen Revolution von 1848 fortsetzen, strebten einen deutschen Nationalstaat, Presse-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit an. Tatsächlich hatte das Parlament in der Frankfurter Paulskirche eine Reichsverfassung beschlossen, und zuvor schon eine vorläufige Reichsregierung ernannt.

Doch das Parlament hatte mächtige Gegenspieler, die Gegenbewegung zur Revolution wuchs, und die Nationalvertretung sah sich nicht in der Lage durchzusetzen, dass alle Staaten die Verfassung anerkennen. Vor allem Preußen machte Druck. Abgeordnete legten ihr Mandat nieder, Preußen pfiff seine Abgeordneten zurück, die Volksvertretung schmolz zusammen und verlor damit auch Stück für Stück ihre Legitimation. Die Lage wurde für die Parlamentarier in Frankfurt unsicher, preußische Truppen waren im Anmarsch.

Deswegen beschloss die Na­tionalversammlung am 30. Mai 1849 mit 71 zu 64 Stimmen den Umzug nach Stuttgart. Württemberg schien ihnen als sicherer Hafen, denn König Wilhelm I. hatte die Reichsverfassung anerkannt.

Der entscheidende Mann in der württembergischen Regierung war der liberale Justizminister Friedrich Römer, der aus Erkenbrechtsweiler im heutigen Kreis Esslingen stammte. Römer gehörte als fraktionsloser Abgeordneter für Göppingen selbst der Nationalversammlung an, hatte eine führende Rolle inne. Nach Stuttgart gerufen hatte er die Parlamentarier freilich nicht.

Die Ereignisse überschlugen sich, und Römer geriet in die Bredouille. Am 5. Juni trafen die Parlamentarier in Stuttgart ein. Die Abgeordneten wurden, wie die Historikerin Sabrina Müller vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg schreibt, am 6. Juni 1849 feierlich im Rathaus begrüßt. Ihre erste Sitzung durften sie auch im Landtag abhalten. Doch am selben Tag legte ihr Gewährsmann Römer sein Mandat nieder. Ihm gingen die Forderungen der Räte zu weit, vor allem jene Be­schlüsse, welche die  Unabhängigkeit Württembergs tangierten. Und er und sein König hatten Angst vor einem Eingreifen der Preußen.

Nur zwei Tage später widerrief Römer die Erlaubnis, im Landtag Sitzungen abzuhalten. Die Abgeordneten waren gezwungen, sich ständig neue Tagungsräume zu suchen – ein würdeloser Zustand. Einmal, am 13. Juni, tagten die Räte sogar in der Bierhalle von August Kolb.  In der Not mietete die Nationalversammlung das Fritzsche Reithaus an, das sich in der Nähe der heutigen Lieder­halle befand. Am 16. Juni hielt sie hier zum ersten Mal Sitzung ab.

Doch schon einen Tag später verbot Römer dem Parlament in einem Schreiben an den Parla­mentspräsidenten Wilhelm Loewe, überhaupt in Württemberg zu tagen. Loewe berief dennoch für den 18. Juni eine Sitzung im Reithaus ein. Daraufhin ließ Römer, so Sabrina Müller,  den Sitzungssaal von Militär umstellen.

„Durchstecht mein Herz!“

Es drohte Blutvergießen. Denn Ludwig Uhland, Abgeordneter und Dichter aus  Tübingen, wollte nicht klein beigeben. Auf seinen Vorschlag hin setzte sich der Zug der Abgeordneten vom Hotel Marquardt aus in Bewegung, bis sie auf die Dragoner stießen.

Nach Sabrina Müllers Schilderung verlangten die Parlamentarier „im Namen des souveränen deutschen Volkes“ freien Durchgang. Auf Befehl des Kommandanten „übertönte Trommelwirbel der Soldaten“ diesen Protest. „Ein Abgeordneter entblößte die Brust und rief: ,Durchstecht mein deutsches Herz’, worauf ihm erwidert wurde: ,Wir durchstechen Niemand´s Brust, der ohne Waffen ist.’“

Angesichts der Übermacht kehrten die Abgeordneten zum Hotel Marquardt zurück, Zimmerleute des 6. Infanterieregiments zerschlugen mit Äxten die Einrichtung im Fritzschen Reithaus. Die Abgeordneten resignierten. Sabrina Müller zitiert den Parlamentspräsidenten Loewe mit den Worten, dass es „ein Comödienspiel wäre, wenn wir noch länger Versuche machen wollten, hier noch länger Sitzungen zu halten“. In der Gaststätte Silberburg saßen sie am 20. Juni noch einmal zusammen, dann war das Kapitel Rumpfparlament zu Ende. Viele Räte erwartete in ihren Heimatländern Sanktionen bis zur Haft. Manche von ihnen gingen daher ins Schweizer Exil.

Die Hauptschauplätze


Nichts übriggeblieben ist von den Hauptschauplätzen des Rumpfparlaments in Stuttgart. Die Gebäude, in denen die Räte residierten, tagten und gesellig beisammen saßen, verschwanden spätestens im Bombenkrieg.

An der Stelle des prächtigen Hotels Marquardt in der König­straße steht heute ein Geschäftshaus. Zerstört wurde auch der Bau des Alten Landtags, in dessen Halbmondsaal das Parlament dreimal ­tagte. web