Entschärfer Ein Bomben-Job: Unterwegs mit einem Feuerwerker

Seit 15 Jahren entschärft Christoph Rottner (Mitte) Bildgänger aus dem Zweiten Weltkrieg.
Seit 15 Jahren entschärft Christoph Rottner (Mitte) Bildgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. © Foto: Kampfmittelbeseitigungsdienst BW
Böblingen / Peter Ilg 11.05.2018

Der Wald zwischen Schönaich und Böblingen ist ein ziemlich gefährliches Gebiet. Seit Ende des zweiten Weltkrieges wurden dort schon neun Fliegerbomben gefunden, sechs davon mit problematischen Langzeitzündern. Ende November 2017 wurde die bislang letzte Bombe in diesem Waldstück nahe des Stuttgarter Flughafens entschärft. Christoph Rottner (52) vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg in Stuttgart war der technische Einsatzleiter. „Ein Spaziergänger hatte einen verdächtigen Fund gemeldet und wir mit einem Suchgerät, das Magnetfelder misst, einen metallischen Gegenstand in Form einer Bombe in etwa zwei Meter Tiefe geortet.“ Aus den Unterlagen der Alliierten weiß Rottner, dass bei einem Angriff am 1. März 1945 insgesamt 172 Bomben in dem Gebiet abgeworfen wurden, davon 22 mit chemischen Landzeitzündern. Ihr Ziel war die nahegelegene Panzerkaserne der Wehrmacht.

An einem Sonntag begann ein sechsköpfiges Team damit, die Bombe mit einem Bagger vorsichtig auszugraben. Bei der Grabung fanden sie eine etwa 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe mit dem gefürchteten chemischen Langzeitzünder. Der verzögert eine Zündung um bis zu 144 Stunden, um Verwirrung zu stiften oder um Löscharbeiten zu behindern. „Durch den Abwurf ist der Zünder entsichert, die Entsicherungsprozesse nehmen ihren Lauf und wir wissen aber nicht, an welchem Punkt sie stehen geblieben sind.“ Alles was Rottners Job kritisch macht, kam bei diesem Fundstück zusammen.

Nach der Identifikation der Bombe wurde ihr Zustand überprüft, ob sie transportfähig ist oder an Ort und Stelle gesprengt werden muss. Der Einsatzleiter entschied sich für entschärfen und abtransportieren. Er brachte ein Fernentschärfungsgerät an der Bombe an. Das ist eine hydraulische Presse, die über Kabel gesteuert den Zünder ohne Drehen aus dem Gewinde reißt, ähnlich wie der Korkenzieher den Verschluß aus einer Weinflasche. Alles ging gut und die Bombe nicht hoch. Sie wurde abtransportiert und in den Bunkern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes bei Böblingen eingelagert. Von dort wird sie in eine Zerlegeeinrichtung transportiert.

Rottner ist Feuerwerker, wie die Kampfmittelspezialisten der Behörde bezeichnet werden. Ralf Vendel, ebenfalls 52, leitet den Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg. Er hat 32 Mitarbeiter, neun davon sind Feuerwerker, er eingeschlossen. „Feuerwerker wird man, indem man sich als Munitionsfacharbeiter bewährt“, sagt Vendel. Diese Facharbeiter unterstützen Feuerwerker bei den Arbeiten, meist bildet ein solches Duo ein Team beim Einsatz. Bewährt sich ein Munitionsfacharbeiter, wird er zur Ausbildung an eine Sprengschule geschickt. Die dauert neun Wochen. „Das ist nicht viel, doch das Wesentliche lernen sie bei uns im Alltag, schon bevor sie Feuerwerker sind.“ Vendel schätzt, dass es in Deutschland etwa 100 Feuerwerker bei staatlichen und knapp 1000 bei privaten Räumdiensten gibt. In Baden-Württemberg dürfen die Privaten nur suchen und bergen. Nicht aber entschärfen, transportieren und vernichten.

Hoffen, dass alles gut geht

Rottner ist von Beruf Maschinenbaumechaniker. Seit 1994 ist er beim Kampfmittelbeseitigungsdienst. Acht Jahre war er Munitionsfacharbeiter, seit 2003 ist er Feuerwerker und Kampfmitteltaucher. „Das sind ganz besondere und seltene Aufgaben. Und ja, sie sind gefährlich, das macht die Arbeit ziemlich interessant.“ Bomben sind die spektakulären Einsätze, Granaten entschärfen das Tagesgeschäft.

Angst bei der Arbeit hat Rottner nach mittlerweile 15 Jahren im Job nicht mehr. „Man hofft, dass alles gut geht.“ Was er an seinem Job mag, ist die Abwechslung. „Man muss unterschiedliche Zündmechanismen kennen, braucht historisches Wissen, muss sich mit Geologie und Vermessungstechnik auskennen.“

Rund 900 Einsätze haben die Feuerwerker pro Jahr, plus 2000 Beratungsaufträge. „Firmen oder Privatleute können bei uns Anträge stellen, damit wir herausfinden, ob dort, wo sie bauen wollen, Kampfhandlungen waren“, sagt Dienststellenleiter Vendel. Für diese Dienstleistung werden Luftbilder der Alliierten ausgewertet und der Ort besichtigt.

Seit dem Kriegsende hat die Behörde sind es 7400 Tonnen Munition entschärft, darunter fast 25 000 Bomben. „Es werden zwar immer weniger, doch es liegt noch immer viel gefährliches Material in den Böden“, sagt Vendel. Er geht davon aus, dass noch mindestens 50 Jahre Feuerwerker gebraucht werden, um Kampfmittel aus den Kriegen zu beseitigen.

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Tonnen Munition hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg im vergangenen Jahr entschärft und vernichtet.

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