Oldietreffen Edles Blech aus dem Ostblock

Sinsheim / Hans Georg Frank 18.06.2018

Wer es nicht glauben mag, darf es mit eigenen Augen im Fahrzeugschein lesen: Diese wuchtige Limousine vom Typ GAS 14, Baujahr 1976, gehörte einst Leonid Breschnew. Der Parteichef der Sowjetunion ließ sich den Achtzylinder zum 70. Geburtstag schenken. Von Exklusivität zeugt die Fahrgestellnummer 001. Jetzt rollt die einstige Staatslimousine mit HN-Kennzeichen durch die Republik. „Das ist kein Alltagsauto“, erklärt der neue Besitzer Wladimir Geier (54), „damit fahre ich nur bei schönem Wetter.“

Die Vorgeschichte seiner prominenten „Tschaika“ (Russisch für Möwe) musste der aus Kasachstan stammende Geier gestern mehrfach erzählen, sehr oft in Russisch. Dass der frühere Eigentümer aus dem Kreml ein Autonarr war, wissen alle, auch wenn nicht wirklich bekannt ist, ob Breschnew nun 49 oder sogar 324 Autos besessen hat, vom Maserati bis zum Mercedes. Sein Brummer war einer der Blickfänge beim vierten „Ostalgie“-Treffen vor dem Technikmuseum Sinsheim.

Zugelassen waren nur Fahrzeuge auf zwei, drei, vier oder mehr Rädern, die vor 1990 jenseits des „Eisernen Vorhangs“ produziert worden sind. Um die 300 sind zu bestaunen. Die allermeisten Vehikel sind mit persönlichen Erinnerungen verbunden und deshalb unverkäufliche Liebhaberstücke. Aber Wladmir Geier würde sich für 120 000 Euro von Breschnews GAS 14 trennen.

„Für kein Geld der Welt gebe ich den her“, behauptet Waldemar Arnholdt (60). Der in Sibirien aufgewachsene Musiker hat in seiner neuen Heimat Schwandorf (Bayern) einen Wolga M 22 G, Baujahr 1967, restauriert. Vier Jahre lang habe er gewerkelt, werktags vier bis fünf Stunden, an Wochenende sei er fast nicht mehr aus der Garage gekommen. Jetzt sieht das graue Prachtexemplar aus wie neu. „Das ist überall ein Hingucker“, berichtet Arnholdt von Ausflügen. Von dem Modell seien 1500 Stück hergestellt worden, „nicht für den privaten Gebrauch, aber oft als Krankenwagen“.

Patrick Federau (44), der von Potsdam ins Taubertal zog, poliert seinen bereits blitzenden Trabant 601 S in „Monsungelb“. Weil er 1991 von seiner Tante einen Trabi bekommen habe, „während alle anderen schon Westautos fuhren“, wollte er eigentlich nie wieder etwas mit diesem knatternden Kleinwagen zu tun haben. Doch eine Entdeckung beim Schrotthändler, kurz vor Weihnachten 2015, ließ ihn den Boykott vergessen. Federau hat die Karre, die 20 Jahre nicht bewegt worden sei, vorbildlich restauriert. Vom „versifften Motor“ ist nichts mehr zu sehen. „Das ist bloß eine Fingerübung, der Trabant besteht ja nur aus 20 Teilen“, gibt er sich bescheiden.

Des Beifalls auch von puristischen Harley-Verehrern kann Edwin Eichhorst (61) aus Fulda überall sicher sein. Der Verwalter des Lebensmittellagers einer Klinik hat eine 1975er Simson Schwalbe aus Suhl, Kult-Kleinkraftrad der DDR, in eine eigenwillige Kopie des Kult-Großkraftrads der USA verwandelt, Sitzkombination und  Lenker stammen vom Vorbild. Für den Anhänger, offiziell ein zulassungsfreier Nachläufer, wurde eine zweite „Schwalbe“ ausgeschlachtet. „Damit bin ich der Star bei den Harleytreffen“, sagt er stolz, „erst sind sie sprachlos, dann begeistert.“

Eine extreme Verwandlung aus der Serie „Schwerter zu Pflugscharen“ hat auch der IFA W 50 LAK hinter sich. Das Militärfahrzeug, Baujahr 1984, mit einem Aufbau aus Glasfasergemisch diente bei der Nationalen Volksarmee der DDR als Feldküche. Helmut Hartmann (63) ist selber als Gefreiter damit gefahren. Der Einsatz sei auch gedacht gewesen für einen Atomkrieg. „Anderthalb Tage sollte alles dicht sein“, erzählt der Thüringer. Seit der „Leichte Absetzkoffer“ in ein mobiles Ferienhaus umgebaut wurde, ist Sohn Marcin (40) damit unterwegs. „Es gibt überall positive Resonanz“, beschreibt er die Reaktion, „auf den Campingplätzen gehen die Daumen hoch.“

877 Trabis tuckern durch den Südwesten

Der Trabant aus Zwickau ist nicht nur von herausragender Bedeutung für die individuelle Motorisierung in der DDR, das Auto gilt auch als Symbol einer erstarrten Wirtschaft. In dem „Volkseigenen Betrieb“ wurden von 1958 bis 1991 rund 3,1 Millionen Zweitakter gefertigt. Heute sind in Deutschland noch 35 420 „Trabis“ unterschiedlicher Typen angemeldet, davon 877 in Baden-Württemberg.

Viele Besitzer haben sich zu „Trabi-Clubs“ zusammengeschlossen und unternehmen gemeinsame Ausfahrten – etwa zu dem „Ostalgie“-Treffen in Sinsheim. hgf

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