Stuttgart 21 Durchstich am Boßlertunnel: Ein Besuch unter Tage

Aichelberg / David Nau 06.06.2018
Bohrmaschine „Käthchen“ gräbt sich die Alb hinauf. Am Freitag wird am längsten Tunnel der Neubaustrecke Durchstich gefeiert.

Langsam und störrisch quält sich die kleine Bergbaubahn in der grauen Röhre die Alb hinauf. Rundherum herrscht Dunkelheit, nur alle paar Meter erhellt der Lichtstrahl einer Lampe die Kabine. Der Lärm der Räder auf den Schienen und die Vibrationen gehen durch Mark und Bein. Patrick Fradnig hat an Ohrstöpsel gedacht, der Tunnelarbeiter fährt teils mehrmals am Tag mit dem Züglein.

Der Zug kommt nach 40 Minuten Fahrt, 8,8 Kilometer in den Berg hinein, mit durchdringendem Quietschen zum Stehen. Fradnig springt aus der Kabine, blickt bergauf und ruft: „Das ist Käthchen!“ Die Maschine mit dem niedlichen Namen ist ein echtes Ungetüm: 110 Meter lang, 2500 Tonnen schwer, über 11 Meter hoch, 6200 PS stark und rund 25 Millionen Euro teuer.

Seit April 2017 gräbt sich die Tunnelbohrmaschine schon zum zweiten Mal weit unter dem Berg Boßler hindurch die Alb hinauf. Der 8806 Meter lange Boßlertunnel bildet zusammen mit der Filstalbrücke und dem Steinbühltunnel den Albaufstieg der Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm. Er ist der längste Tunnel der Bahnstrecke und führt von Aichelberg (Kreis Göppingen) bis zum Filstal bei Mühlhausen im Täle. Direkt an den Tunnel schließt sich die Brücke über das Filstal an, dahinter verschwinden die Züge im 4847 Meter langen Steinbühltunnel, der bei Hohenstadt auf der Albhochfläche mündet. Die Oströhre, in der die Züge in Richtung Stuttgart fahren sollen, ist seit November 2016 fertig. Am Freitag sollen die Arbeiter in der Weströhre wieder Tageslicht erblicken.

Zurück bei Käthchen tief im Berg. Die Luft ist feucht, heiß und staubig. Patrick Fradnig hat über eine stählerne Treppe eine Plattform auf dem Tunnelbohrer erreicht, der eher an den Maschinenraum eines großen Frachtschiffs als an ein Baugerät erinnert. Rohre und Kabel laufen an Generatoren, Tanks und Containern entlang Richtung Schneiderad, das sich am vorderen Ende in den Berg frisst.

Der 27-jährige Österreicher ist gelernter Elektriker und unter Tage hauptsächlich für die Instandhaltung zuständig. Sein Reich auf dem Stahlriesen besteht aus einem kleinen Schiffscontainer, darin zwei verstaubte Stühle, eine Werkbank und zahllose Kisten mit Werkzeug, Material und Ersatzteilen. Unter der Werkbank ist ein kleiner Kühlschrank, darauf steht „Finger weg, sonst Finger ab“. Fradnig grinst und erklärt: „Getränke sind unter Tage sehr wichtig.“

Denn die Arbeit im Tunnel ist anstrengend. Die Temperatur liegt durch die große Maschine selten unter 30 Grad, es ist laut, dunkel und staubig. In zwei Schichten arbeiten die Tunnelbauer, die Mineure, hier jeweils 10 Stunden am Tag. Danach steht die Maschine vier Stunden für Wartung und Reparaturen still. „Die Arbeit unter Tage ist vor allem auch mental anstrengend“, sagt Fradnig. Im Winter fahre man bei Dunkelheit in den Tunnel ein und bei Dunkelheit wieder aus dem Tunnel raus. Nach der Schicht bleibe nicht viel Kraft für Freizeit: „Man geht was essen, trinkt vielleicht noch ein Bier mit den Kollegen und dann geht’s ab ins Quartier“, sagt Fradnig. Sein Quartier ist ein Container in Gruibingen, außer dem hat er noch nicht viel von der Region gesehen. „Dafür fehlt einfach die Zeit“, sagt er.

Wenn er mit Käthchen im Tunnel arbeitet, dann schuftet er zehn Tage am Stück und kann danach fünf Tage nach Hause. Zuhause ist für Fradnig Kärnten im Süden Österreichs, dort lebt er nahe dem Weißensee mit seiner Familie und seiner Freundin.

Ob er die Baustelle daheim vergessen kann? Fradnig schüttelt den Kopf. „Da ist auch Baustelle“, sagt er. Mit seiner Freundin baut er gerade ein Haus, das erste Stockwerk steht bereits. Wenn er wieder in Richtung Schwaben aufbricht, fällt der Abschied schwer. „Man fährt natürlich schon lieber nach Hause als auf die Baustelle“, gesteht er. Dennoch lohnt sich die Arbeit im Ausland für Fradnig. Er verdient rund 50 Prozent mehr als daheim.

Doch auch abseits der finanziellen Vorteile fühlt er sich am Fuße der Alb wohl – dank seiner Kollegen. Die Bergleute sind eine eingeschworene Truppe. „Das Team ist das wichtigste hier“, sagt Fradnig, schließlich verbringe man mehr Zeit auf der Baustelle als bei seiner Familie: „Aus Kollegen werden Freunde.“

Im Tunnel hat sich Käthchen derweil zwei Meter voran gefräst. Nun kommt das zweite Herzstück der Maschine zum Einsatz: Der Erektor. Er verkleidet die zwei Meter Tunnel mit Betonteilen, den Tübbings. Jeder wiegt rund zehn Tonnen und wird von einem hydraulischen Stempel angehoben, als wiege er nichts. 30.800 dieser Teile sind in jeder Tunnelröhre verbaut.

2022 sollen die Züge fahren

Für die Mineure ist die Arbeit mit dem Durchstich nicht getan. Die Maschine wird abgebaut, später werden Gleise und Oberleitung eingebaut. Dann wäre der Tunnel einsatzbereit. Wann zischt der erste ICE mit 250 Kilometern pro Stunde die Alb hinauf? „Unser Ziel ist es, die Strecke 2022 in Betrieb zu nehmen“, sagt S21-Specher Jan Dambach. Weil der Bahnhof in Stuttgart bis dahin noch nicht fertig sein wird, müssten die Züge dann in Wendlingen über eine Güterzugschleife auf die alte Strecke geleitet werden. „Die ersten Untersuchungen waren positiv“, sagt Dambach.

Am Freitag wird zunächst gefeiert. Angekündigt haben sich  Bahnvorstand Ronald Pofalla und Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Und auch die Mineure werden feiern. „Deftig“, wie Fradnig sagt. Allerdings wird die Freude auch ein wenig getrübt, denn einige Kollegen müssen die Baustelle bald verlassen: „Da verliert man Kollegen und auch Freunde.“

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