Sprachatlas Durch die Dialekte im Südwesten geklickt

Tübingen / Madeleine Wegner 09.03.2018
Wie sich die Sprache im Land unterscheidet, zeigt der erste digitale „Sprechende Sprachatlas“ für Baden-Württemberg.

Was Menschen im Schwarzwald „Gluckser“ nennen, ist für Bewohner in Stuttgart und in weiten östlichen Teilen des Landes ein „Häcker“. In wieder anderen Gebieten heißt der Schluckauf „Schlückser“, „Hätscher“ oder auch „Gätzger“. Um zu hören, wie Menschen aus verschiedenen Regionen diese Wörter aussprechen, reicht ein Klick im ersten „Sprechenden Sprachatlas“ für Baden-Württemberg. Er ist online unter der Internetadresse Sprachalltag.de zu finden. Der Dialektforscher Professor Hubert Klausmann stellte das Projekt am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut vor.

Für den Sprachatlas haben Klausmann und sein Kollege Rudolf Bühler 57 Interviews in ganz Baden-Württemberg geführt. Ausgewählten Dialektsprechern stellten sie jeweils 200 Fragen zu Begriffen aus Bereichen wie Bekleidung, Haushalt, Körper und Landwirtschaft. So sind 103 Karten entstanden, über die sich nicht nur unterschiedliche Bezeichnungen für Löwenzahn, Beule oder Kind abspielen lassen, sondern die auch grammatikalische Besonderheiten zeigen. Zusätzlich gibt es Erklärtexte zu besonderen sprachlichen Phänomenen und auch ganze Erzählpassagen, zu denen die entsprechende Übersetzung eingeblendet wird.

IT-Spezialist Andreas Ganzenmüller hat aus den Daten geo-referenzierte Karten erstellt. Das bedeutet, dass sich diese leicht mit historischen, administrativen oder anderen Karten abgleichen lassen. So können die Wissenschaftler mit Hilfe der Karten beispielsweise auch alte territoriale Grenzen ablesen, zum Beispiel anhand des Wortes Schnee: Auf der Karte zeigt ein rotes Gebiet in der Mitte Baden-Württembergs, dass die Menschen hier die weißen Flocken „Schnai“ nennen. Drumherum ist eher von „Schnee“ oder auch „Schnää“ die Rede. Das rote Gebiet entspricht in etwa dem alten Herzogtum Württemberg aus vornapoleonischer Zeit.

„Die Grenzen sind nicht so scharf, wie sie auf den Karten abgebildet sind“, wendet Bühler jedoch ein. Daher könne man auch nicht so weit hineinzoomen, wie es bei anderen digitalen Kartensystemen meist möglich ist. ­Diesen farbigen Gebieten, die jeweils für unterschiedliche Dialekte stehen und damit Sprachgrenzen markieren, liegen 750 Ortspunkte aus wissenschaftlichen Sprachatlanten zugrunde. Derzeit entsteht der Sprachatlas von Nord-Baden-Württemberg. Damit schließen die Tübinger Dialektforscher eine Lücke: Dann ist auch wissenschaftlich der gesamte Südwesten abgebildet. Der „Sprechende Sprachatlas“ ist in erster Linie als Dankeschön an die Menschen gedacht, die bereit waren, den Wissenschaftlern schon bei früheren Dialekt-Untersuchungen Rede und Antwort zu stehen. Immer wieder habe es Nachfragen gegeben, wo denn Ergebnisse zu sehen oder hören seien. Auch das Interesse an Vorträgen zu den verschiedenen Dialekten sei groß. „Wir wollten den Menschen etwas zurückgeben“, sagt Klausmann.

Der Atlas zeigt auch: Im Südwesten gibt’s neben dem Schwäbischen mit dem Alemannischen, dem Rheinfränkischen und Südfränkischen unzählige Dialekte. Vom Aussterben der Mundart also keine Spur? „Es gibt alle Tendenzen“, sagt Klausmann. In Ballungszentren etwa  gingen Dialekte verloren, in anderen Regionen verschieben sie sich. Wieder andere Gebiete sind sehr stabil. Das sind dann oftmals traditionelle Weinbaugebiete, wo die Bevölkerung stabil bleibt, weil die Einwohner ihre Ländereien kaum verkaufen. So gebe es kaum Zuzug oder Neubaugebiete und damit auch sprachlich keine große Beeinflussung. Bei der Entwicklung der Dialekte, sagt Forscher Klausmann, „da gibt es wirklich alles“.

Von Land, Universität und Verein finanziert

In dem dreijährigen Projekt haben Tübinger Forscher Dialekt-Varianten in ganz Baden-Württemberg erfasst. Als Vorbild diente der „Sprechende Sprachatlas“ von Bayern. Mit dem ersten baden-württembergischen Exemplar wird nun der erste Teil des Projekts „Sprachalltag II“ fertiggestellt, das vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg, der Universität Tübingen und dem Förderverein Schwäbischer Dialekt finanziert wird. Die Leitung haben die Tübinger Wissenschaftler Professor Reinhard Johler und Professor Hubert Klausmann. Den „Sprechenden Sprachatlas“ gibt es online unter Sprachalltag.de.  del

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel