Am 20. September 2010, 10 Uhr, schrieb Norbert Walz seinem direkten Vorgesetzten, dem damaligen Stuttgarter Polizeipräsidenten Eberhard Stumpf, eine brisante E-Mail: Landespolizeipräsident Wolf-Dieter Hammann wolle CDU-Regierungschef Stefan Mappus bei einem für 16 Uhr angesetzten Treffen verdeutlichen, dass das geforderte harte Vorgehen bei S-21-Einsätzen nicht immer möglich sei. Auch er, antwortete Stumpf Minuten später, werde seine Meinung "klar" vorbringen - "sie hat ihm ja bisher nicht immer gefallen".

Einen Monat zuvor hatte Stumpf sogar offenen Widerstand geleistet. Am 18. August 2010 schrieb er Hammann: "Sie haben mir übermittelt, dass Herr Ministerpräsident Mappus entschieden hat, dass die Polizei (...) die Verlegung eines Baggers zum Abbruch des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof in das Baustellenareal zu begleiten bzw. zu ermöglichen hat." Die Einbringung des Baggers - die Stumpf auf einen späteren Termin verschieben wollte - erfolgte dann gleichwohl vom 18. auf den 19. August.

Hat Mappus die Polizei also doch zu mehr Härte gegen die Anti-S-21-Demonstranten getrieben und letztlich den "Schwarzen Donnerstag" zu verantworten? Jenen Einsatz mit Wasserwerfern vom 30. September 2010, der mit knapp 170 Verletzten endete? Die E-Mails, die dem zweiten Ausschuss zum blutigen Schlossgarten-Einsatz vorliegen, nähren jedenfalls den von Grün-Rot geäußerten Verdacht, dass Mappus auf eine härtere Linie drang.

Die Zeugen allerdings, die das Gremium gestern befragte, bestätigten die These direkter politischer Einflussnahme nicht. Es könne ja sein, dass Mappus eine "Erwartungshaltung" gehabt habe, aber ihm gegenüber habe noch kein Politiker ein härteres Vorgehen gefordert, sagte Walz vor dem Gremium.

Bei einer polizeiinternen Lagebesprechung 20 Tage vor dem Schlossgarten-Einsatz habe Stumpf "deutlich hervorgehoben", dass es telefonische Kontakte mit Mappus gebe, berichtete ein weitere Zeuge. "Das ist ein außergewöhnlicher Vorgang, deshalb blieb er mir in Erinnerung", sagte der Polizist weiter. Der Fairness halber müsse man aber sagen, dass die S-21-Einsätze auch "außergewöhnlich" gewesen seien. Ein weiterer Teilnehmer berichtete, dass Stumpf bei der Sitzung am 20. September von einem "Dissens" mit der politischen Ebene in der Bagger-Frage berichtet habe.

Die Episode hat bereits für Schlagzeilen gesorgt, weil Mappus Stumpf in diesem Zusammenhang eine klare Ansage gemacht haben soll: "Bringen Sie den Bagger rein! Wenn Sie nicht wollen, hole ich eine Polizei aus einem anderen Land!" So hat ein Teilnehmer der Lagebesprechung am 10. September Aussagen von Stumpf in seinen Notizen zitiert. An die Äußerung konnten sich gestern indes mehrere Zeugen nicht erinnern.

Klarheit soll eine Befragung von Stumpf selbst bringen, die in einer der nächsten Sitzungen erfolgen soll. Der frühere Stuttgarter Polizeipräsident hat bislang jede politische Einflussnahme auf den Schlossgarten-Einsatz bestritten. Es gebe jetzt aber eine "veränderte Lage", sagte der Grünen-Obmann im Ausschuss, Uli Sckerl, mit Blick auf die Akten. Dass Mappus öfter mit Stumpf telefoniert habe, sei eine "interessante Erkenntnisspur", sagte SPD-Obmann Sascha Binder. Die Obleute von CDU und FDP, Reinhard Löffler und Timm Kern verwiesen dagegen darauf, dass keiner der Zeugen die von Grün-Rot vermutete politische Einflussnahme bestätigt habe.